Auslandserfahrung USA
Über den Atlantik und zurück: Ein Semester in South Carolina
Ein Hinweis am Schwarzen Brett, eine spontane Bewerbung und schon wenig später ging es über den Atlantik an die Clemson University in South Carolina. Zwischen College-Football, Campusleben und spannenden Forschungsprojekten erlebten Philipp Baumann und Johannes Weidner ein Auslandssemester, das weit über das Studium hinausging und sie bis heute begleitet.
Philipp Baumann sitzt an seinem Laptop und ist drauf und dran, sich für ein Praxissemester zu bewerben. Als Bachelorstudent von Biomedical Engineering an der OTH Regensburg feilt er an den letzten Details seines Lebenslaufs, als auf dem Bildschirm eine Notiz am Schwarzen Brett der Hochschule aufploppt. Es gebe die Möglichkeit, an der Clemson University in South Carolina, USA, als Undergraduate zu studieren. „Bis dahin kam mir ein Auslandssemester überhaupt nicht in den Sinn. Aber die Notiz hat mich neugierig gemacht, und ich habe sofort angefangen zu recherchieren“, beschreibt Philipp seine erste Berührung mit der Clemson University. Und dann ging es ganz schnell: wenige Stunden später bewarb er sich nicht für das Praxis-, sondern für das Auslandssemester. Und wurde angenommen.
Auch Johannes Weidner, Bachelorstudent der Allgemeinen Informatik, hat die Reise über den Atlantik und den Sprung ins Ungewisse gewagt. Für ihn stand jedoch schon lange vorher fest, dass er ein Semester in einem englischsprachigen Land verbringen wollte. Aufgrund der hohen Studiengebühren schien der Traum zunächst schwer zu verwirklichen zu sein, bis eine glückliche Fügung das Blatt wendete: Auf Basis der Partnerschaft zwischen der OTH Regensburg und der Clemson University wurde ein Abkommen ausgehandelt, wonach zwölf Studentinnen und Studenten aus Clemson für ein dreimonatiges Praktikum nach Regensburg kamen. Das wiederum ermöglichte drei Freiplätze für OTH-Studierende an der Clemson University, ohne dass für diese Studiengebühren anfallen würden. Johannes zögerte nicht, nutzte die Chance sofort und packte seine Koffer für ein intensives und prägendes Semester.
Der Campus als Erlebniswelt
„Wir waren dort zunächst sogenannte ‚Freshmen‘ und wohnten auf dem Campus. Grundsätzlich bedeutet Studieren dort, vollständig in den Campus-Kosmos einzutauchen, da die Hochschule auch einen großen Teil des privaten Lebens abdeckt“, erzählt Philipp. Es gab große Einführungs- und Kennenlernveranstaltungen für alle neuen Studierenden, wie zum Beispiel die Silent Disco, in der Philipp und Johannes mit anderen tanzten und erste Bekanntschaften knüpften. Das riesige Angebot an Aktivitäten begleitete die Studierenden durch das gesamte Studium, vom Angeln bis zum Flugschein: Gefühlt war alles möglich.
Und dann gibt es noch College Football, das beide besonders faszinierte: „Das erste College-Football-Spiel ist mir besonders in Erinnerung geblieben, vor allem die – für unsere Verhältnisse – überdimensionale Größe und packende Atmosphäre. Ein Stadion mit über 80.000 Plätzen in einer Stadt mit nur 18.000 Einwohnern – das ist ein Statement. Ich meine: Das ist größer als die Allianz Arena. Da wird deutlich, wie stark der Sport und die Universität miteinander verbunden sind und welche große Bedeutung der Sport für die Menschen vor Ort hat“, beschreibt Johannes einen von vielen unvergesslichen Momenten.
Während in den USA mehrere Fitnessstudios auf dem Campus vorhanden sind, zahlreiche Studentenverbindungen und Vereine existieren, in denen man sich engagieren kann, ist Studieren in Deutschland primär darauf ausgerichtet, allen eine gute akademische Ausbildung zu ermöglichen. Freizeit und weitere Aktivitäten liegen stärker in der Hand der Studierenden.
Aus dem Auslandssemester wird echte Fachlichkeit
Daneben konnten Philipp und Johannes auch in der Art und Weise, wie studiert und gelernt wird, einen anderen Ansatz kennenlernen. Philipp berichtet von seinem Kurs „Cardiovascular Biomechanics“. „Durch meine vielen Nachfragen bemerkte der Professor, dass ich großes Interesse und Eigeninitiative mitbringe. Dann passierte etwas, das ich überhaupt nicht erwartet hatte: Ich durfte an einem Projekt mitarbeiten“, erzählte Philipp. Dabei ging es um Menschen, die wegen eines Risses in der Hauptschlagader (Aortendissektion) notfallmäßig mit einem Stent versorgt worden waren. Die Forscher nutzten Computersimulationen, um zu untersuchen, wie das Blut nach dem Eingriff durch die Aorta strömt. So wollten sie herausfinden, ob sich daraus Hinweise auf mögliche Spätfolgen, ein erhöhtes Risiko für Blutgerinnsel oder die Notwendigkeit eines weiteren Eingriffs ergeben. Philipps Aufgabe war es, aus den CT-Scans der Patienten präzise dreidimensionale Modelle der Aorta und angrenzenden Gefäße zu erstellen. Während die hochkomplexen Berechnungen selbst dem Professor überlassen blieben, erhielt Philipp durch die Mitarbeit faszinierende Einblicke in diesen medizinisch-technischen Grenzbereich.
Auch Johannes beschreibt einen starken Praxisbezug: „Statt reiner Theorie standen konkrete Projekte im Fokus, die in jedem Fach auch in die Gesamtnote einfließen.“ Dabei war für Johannes ein besonders prägender Moment die Begegnung mit einem deutschen Professor in seinem Kurs für IT-Sicherheit. Daraufhin ergab sich die Chance, an einem Projekt im Automotive-Security-Labor mitzuarbeiten. Darüber hinaus konnte er auch Projekte wie etwa die Entwicklung eines Virtual-Reality-Trainingssimulators, das Training eines Remote-Control-Autos mittels Reinforcement Learning oder das praktische Nachvollziehen von Cyberangriffen kennenlernen.
„Diese anschauliche Verknüpfung des Lernstoffs mit einem realen Beispiel hat mir extrem viel gebracht. Das habe ich auf jeden Fall mit nach Deutschland genommen. Außerdem lernte man sehr viel darüber, wie man sich selbst organisiert und als Teil eines Projektteams funktioniert. Das hilft mir noch heute in der Arbeitswelt“, berichtet Philipp. Er beschreibt aber auch, dass er durch sein Studium an der OTH Regensburg bereits viele Berührungspunkte mit praktischen Projekten hatte. Eine solche praxisnahe Ausbildung sei im deutschen Hochschulsystem jedoch nicht selbstverständlich.
Die Herausforderung Sprache
Neben den vielen euphorischen Eindrücken brachte der Aufenthalt zunächst auch einige Herausforderungen mit sich. Sprachlich konnte sich Philipp auf einer vorangegangenen Reise nach Washington und New York problemlos verständigen. Doch in der ersten Vorlesung merkte er schnell, dass der Studienalltag noch einmal eine ganz andere Herausforderung bereithielt: Der Kurs wurde fast ausschließlich von Muttersprachlern besucht und war nicht speziell auf internationale Studierende ausgerichtet.
„Da wurde sehr fachspezifisches Englisch gesprochen und ich musste mich erst einmal an die vielen Fachbegriffe gewöhnen. Da habe ich erstmal geschluckt und gedacht: ‚Oh Gott, was habe ich gemacht?‘ Aber ich habe schnell gemerkt, dass man durch die tägliche Anwendung sein Englisch sehr zügig verbessert. Von Tag zu Tag fiel es mir leichter, den Vorlesungen zu folgen, bis das Verständnis schließlich gar kein Problem mehr war“, erzählt Philipp.
Das Auslandssemester endet nicht mit dem Rückflug
Für Philipp und Johannes war ein Austauschsemester in den USA vor allem dank der bestehenden Kooperation zwischen OTH Regensburg und der Clemson University möglich. „Besonders an der Partnerschaft finde ich, dass der Austausch nicht mit dem Ende des Auslandssemesters aufhört. Zwischen beiden Hochschulen gibt es auch danach weiterhin viele Berührungspunkte“, resümiert Johannes. Professorinnen und Professoren sowie Studierendengruppen aus Clemson kommen regelmäßig nach Regensburg. „Als ehemalige Austauschstudierende werden wir zu offiziellen Veranstaltungen der OTH Regensburg eingeladen und zeigen den amerikanischen Studierenden die Hochschule und die Stadt“, so Johannes. Die Chance, sich zu vernetzen, bleibt auch nach dem Auslandssemester bestehen und die Verbindung zu Clemson kann – wenn man das möchte – über das gesamte Studium und darüber hinaus bestehen bleiben.
Johannes und Philipp können jedem nur zu einem Auslandssemester raten. „Für mich war es die beste Entscheidung meines gesamten Studiums, und ich würde es jederzeit wieder machen“, sagt Johannes. Keiner leugnet zwar den organisatorischen Aufwand, der dahintersteckt, dieser sei die Erfahrung aber absolut wert. „Ich kann jedem, der über ein Auslandssemester nachdenkt, nur raten: Nicht zu lange nachdenken – einfach machen“, so Philipp.