Außergewöhnliche Lehre

Rätseln gegen die Uhr: OTH-Professor Johannes Schildgen holt Escape Rooms in die Lehre

Bildschirm schwarz, Timer läuft, der Dozent ist draußen: An der OTH Regensburg lernen Studentinnen und Studenten in Escape Rooms, die Prof. Dr. Johannes Schildgen selbst baut. Ende September stellt er das System dahinter der Fachwelt bei der European Conference on Games Based Learning in Darmstadt vor.

„Die Datenbank wurde gehackt! Ihr müsst sie reparieren!“ Mehr Hilfe gibt es nicht, vorne im Raum steht nicht einmal ein Laptop. Jetzt sind die zwei bis fünf Studentinnen und Studenten am Zug. Eine der Aufgaben lautet: Welches Datum war heute vor 10.000 Tagen? Die Antwort muss die Gruppe programmieren und eingeben. Stimmt sie, läuft auf der Leinwand das nächste Video an, und die Geschichte geht weiter.

Solche Räume baut Johannes Schildgen, Professor für Datenbanken und Big Data Analytics an der Fakultät Informatik und Mathematik der OTH Regensburg, für seine Lehrveranstaltungen, die Dekoration übernimmt er selbst. Alles soll aussehen, als passiere es von allein. In Wahrheit zieht ein Raspberry Pi, ein kleiner Computer am Beamer, die Fäden. Er prüft laufend, ob die richtige Lösung angekommen ist, etwa ob die korrekten Daten in der Datenbank stehen. Ist sie da, bekommt auch Prof. Dr. Schildgen Bescheid: Auf seinem Handy ploppt eine Nachricht auf, so verfolgt er von draußen, wie weit die Gruppe ist. Über WLAN-Steckdosen lassen sich auch Lampen schalten. Nach einer gelösten Aufgabe geht dann wie von Geisterhand das Licht an.

CSCape ist Open Source, der Code liegt frei zugänglich auf der Plattform GitHub. Prof. Dr. Schildgen schwebt eine Art Marktplatz vor, auf dem Dozentinnen und Dozenten fertige Räume tauschen, anpassen oder direkt übernehmen. Informatik muss es dabei nicht sein. In einer Tabellenkalkulation könnten Studentinnen und Studenten etwa Messwerte aus Chemie-, Physik- oder Biologieversuchen eintragen, und sind die Werte plausibel, geht die Geschichte weiter.

10 Prozent der Endnote

Marlene Stegmann studiert Informatik im ersten Mastersemester, Elias Wagner ebenfalls Informatik im Master, mit dem Fokus auf Software Engineering. Beide haben Schildgens Räume gespielt. Erst tüftelt jeder für sich, dann beugen sich mehrere Köpfe über dieselbe Aufgabe. Lustig sei das immer gewesen, manchmal auch Stress, denn der Timer läuft gnadenlos weiter. Zehn Prozent der Endnote hängen daran, wie weit man kommt. Fragt man die beiden, was hängen geblieben ist, fallen ihnen zuerst die Geschichten ein. Da ist der Weihnachtsmarkt, auf dem jemand die Lichter ausgeknipst hatte und die Gruppe sie wieder zum Leuchten bringen musste. Und da ist die Figur, die auf der Leinwand erscheint, kaum ist die erste Aufgabe gelöst, und die Gruppe um Hilfe im Kampf gegen den Bösewicht bittet.

Lernt man so auch mehr? Ja, sagt Marlene Stegmann: „In der Vorlesung höre ich zu, im Escape Room wende ich das Gelernte selbst an. Das passt besser zu meinem Lernstil.“ Elias Wagner beschreibt es so: „Wenn man eine Aufgabe geknackt hat, weiß man, jetzt sitzt es. Und es macht einfach mehr Spaß.“ Inzwischen haben die beiden selbst Räume gebaut, unter anderem einen, in dem es um Mathematik geht.

Selfies wegen SQL Island

Warum macht sich einer diese Arbeit? „Ich möchte, dass meine Studentinnen und Studenten in zehn Jahren noch sagen: An der OTH Regensburg war es nicht langweilig, da haben wir Dinge gemacht, die es nicht überall gab“, sagt Prof. Dr. Schildgen. Ein Patentrezept für gute Lehre gebe es nicht, also probiere er aus.

Dass so etwas lange nachwirkt, hat er schon erlebt. 2013 programmierte er sein erstes Lernspiel, SQL Island, zur Datenbanksprache SQL. Heute werde es an Schulen auf der ganzen Welt gespielt, erzählt er. Es kam schon vor, dass Leute ihn fragten, ob er der sei, der SQL Island programmiert habe, und dann um ein Selfie baten. Sie kannten das Spiel aus der Schule.

Ein Modell für alle ist der Escape Room deshalb nicht, sagt Schildgen selbst. „So ein Escape Room passt nicht zu jeder Professorin und jedem Professor. Aber wenn alle ausprobieren, was zu ihnen passt, wird eine Hochschule vielfältiger. Dann ist eben nicht alles gleich.“

CSCape stellt Schildgen vom 30. September bis 2. Oktober bei der 20. European Conference on Games Based Learning an der TU Darmstadt vor.

Prof. Dr. Johannes Schildgen (l.) präsentierte beim Tag der Digitalen Lehre sein Escape-Room-System CSCape. Marlene Stegmann und Elias Wagner studieren Informatik im Master und haben auf Basis von CSCape eigene Escape Rooms entwickelt. Foto: OTH Regensburg/Simone Zenner