Seit 2022 haben die Jobcenter der Stadt und des Landkreises Regensburg gemeinsam mit dem Bezirk Oberpfalz Menschen unterstützt, die aufgrund gesundheitlicher Einschränkungen über längere Zeit kaum arbeiten konnten und bis dahin von keiner Stelle systematisch unterstützt wurden. Ende Oktober 2026 läuft das Modellprojekt PUNKTGENAU aus. Die dabei entwickelten Ansätze werden jedoch fortgeführt: Beide Jobcenter führen den Ansatz weiter und bezahlen ihn künftig aus ihrem regulären Budget.
Die OTH Regensburg hat das Projekt wissenschaftlich begleitet. Ein Forschungsteam der Fakultät Sozial- und Gesundheitswissenschaften unter Leitung von Prof. Dr. Nicolas Schöpf, Professor für Bildung und Soziale Arbeit an der Fakultät, untersuchte wie sich die Lage der Teilnehmerinnen und Teilnehmer entwickelt, und spielte Zwischenergebnisse laufend an die Jobcenter zurück.
Insgesamt nahmen 112 Menschen an dem Projekt teil. Sie wurden über einen längeren Zeitraum persönlich begleitet und bei gesundheitlichen, sozialen und organisatorischen Herausforderungen unterstützt. „Wichtig ist, die Menschen nicht nur mit einzelnen Diagnosen, sondern mit ihrer gesamten Lebenssituation wahrzunehmen“, sagt Dr. Marje Mülder, Leiterin der Sozialverwaltung des Bezirks Oberpfalz. Das Team der OTH Regensburg hat 62 Teilnehmerinnen und Teilnehmer mehrfach befragt. Von den Personen, die sich am Ende dazu äußerten, gaben 83 Prozent an, Ziele erreicht oder etwas verbessert zu haben. Für eine Person ist das der Termin im Schlaflabor, den sie ‚endlich‘ ausmachen will, für eine andere ein gesetzlicher Betreuer für ihre Geldprobleme. Statistisch haben drei von vier Personen Hilfsangebote kennengelernt, von denen sie vorher nichts wussten.
Dabei zeigen sich die Erfolge oft in kleinen, aber wichtigen Schritten. „Bus fahren. Das muss ich jetzt sagen, das hört sich lustig an“, beschreibt eine Person in der Abschlussbefragung der OTH Regensburg, was sich für sie im Alltag verändert hat. Eine solche alltägliche Mobilität war für die Person aus Gründen psychischer Beeinträchtigung bislang nicht machbar. Eine andere Person berichtet über ihre Erfahrungen in einem Beschäftigungsangebot: „Das mit dem Werkhof, das war halt eine Erfahrung, wo sie dann gesagt haben, ich kann was, ich bin kreativ, ich überlege nicht lang, ich mache einfach.“
Auch bei der Erwerbsfähigkeit zeigen sich positive Entwicklungen. Laut ärztlichen Gutachten, die die Jobcenter ausgewertet haben, wurde etwa einem Drittel der Teilnehmerinnen und Teilnehmer wieder eine, wenn auch eingeschränkte, Erwerbsfähigkeit bescheinigt. „Bei diesem Drittel könne das Jobcenter nun wieder mit seinen Förderinstrumenten bei der Integration in Arbeit helfen“, sagt Christian Meier, Geschäftsführer des Jobcenters Stadt Regensburg, der das Projekt PUNKTGENAU federführend betreut hat. „Das ist der Erfolg und zeigt, dass hier eine Angebotslücke für die Zielgruppe besteht.“
Gesundheitszustand, psychische Belastung und Lebenszufriedenheit haben sich zunächst nicht entscheidend verändert. Die Gründe liegen hierfür aber bspw. auch in der mangelnden Verfügbarkeit von Therapieplätzen. Anderes wurde dennoch erreicht: Die Befragten bewegen sich unter anderem nachweislich mehr als zu Beginn und die erprobten Gruppenveranstaltungen fanden viel Zustimmung „Entscheidend ist zudem: Die Menschen wissen jetzt, wohin sie sich wenden können, und sie nehmen Hilfe an“, sagt Prof. Dr. Schöpf. „Nicht jeder Weg führt direkt in Arbeit. Wer in dieser Gruppe seinen Zustand sichern kann und nicht weiter an Teilhabe verliert, hat auch schon viel erreicht.
Die Ergebnisse wurden Anfang Oktober bei einer Abschlussveranstaltung des Projekts im alten Festsaal des Bezirks Oberpfalz vorgestellt. „Wissenschaftliche Erkenntnisse entfalten besonders dann ihre Wirkung, wenn sie gemeinsam mit der Praxis gewonnen werden und konkrete Verbesserungen für Menschen bewirken“, sagte dort Prof. Dr. Carina Braun, Vizepräsidentin der OTH Regensburg.
Die Erkenntnisse aus der wissenschaftlichen Begleitung fließen nun in die weitere Arbeit der Jobcenter ein. Die im Projekt aufgebauten Netzwerke soll eine Kooperationsvereinbarung festigen, die inzwischen die meisten Partner unterzeichnet haben.