„Abenteuer Führung“ mit Therapieeffekt

Unter neuem Dach versprach der nächste Vortrag der Leadership-Group und des roots e. V. etwas Besonderes zu werden: Die Veranstaltenden luden zu „Abenteuer Führung: mit 25 in den Chefsessel“ ins Regensburger "Degginger".

Seit 2015 beleuchten und präsentieren die Ostbayerische Technische Hochschule Regensburg (OTH Regensburg) und die Universität Regensburg das Thema Führung aus unterschiedlichen Perspektiven und in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen. Die Leadership Group, bestehend aus mehreren Professorinnen und Professoren, trifft sich regelmäßig, um Interessierten in Fachvorträgen Praxiswissen zu vermitteln. 

Prof. Dr. Thomas Falter von der Fakultät Betriebswirtschaft der OTH Regensburg beschreibt es so: „Wir wollen Menschen aus der Wirtschaft in die Hochschule reinholen.“ Hier konnten bereits Chief Executive Officers, Bischöfe, Marketingchefs beziehungsweise -chefinnen oder sogar ein Commander der kanadischen Armee ihre Erfahrungen mit den Zuhörerinnen und Zuhörern teilen. Führung wird in diesem Format aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet.

Am 22. Januar 2019 ging es mit einem der Vorträge erstmals in das hippe "Degginger" in die Regensburger Altstadt. Neu war auch die Wahl der Referierenden. Jung und ohne Geschäftsbericht oder Präsentation kamen die beiden Geschwister Katharina und Lorenz Linner ins „Degginger“. Mit Studierenden, Hochschulmitarbeiterinnen und -mitarbeitern, aber auch mit externen Interessierten teilten sie ihr angehäuftes Wissen aus zehn Jahren Führungsverantwortung in der Werkzeugfabrik Linner GmbH. Frisch und ehrlich berichteten der Wirtschaftsingenieur und die Betriebswirtschaftlerin aus dem Nähkästchen. 

Ein Unternehmen, in dem es „menschelt“

Mit Mitte 20 wurden die Geschwister buchstäblich aus der Kinderstube in die Erwachsenenwelt geholt. Beide noch studierend, mussten sie sich damals für oder gegen die Geschäftsführung im elterlichen Unternehmen entscheiden. Zusammen mit ihrem Bruder Ludwig, dem Maschinenbauer, übernahmen sie schließlich zu dritt die Regie und schafften ein Unternehmen, in dem es „menschelt“.

Die heute 37-jährige Katharina Linner war es gewohnt, dass ihr Vater einen patriarchalischen Ton pflegte. Zu Hause, aber auch in der Firma. So war es nicht einfach, den Mitarbeitenden der Firma nahezubringen, dass künftig ein anderer Wind wehen sollte. „Ich wollte ein Umfeld schaffen, in dem ich gerne arbeite. In dem Leute gerne in die Arbeit gehen“, sagte Katharina Linner. Leichter gesagt, als getan. Die Brüder Ludwig und Lorenz Linner, heute 38 und 35 Jahre alt, mussten davon erst noch überzeugt werden. Die Schwester schaffte es. 

Neue Führungsweise für besseres Arbeitsklima

Zusammen hievten sie das Unternehmen aus der traditionell autoritären in eine demokratisch kooperative Führungsweise. Lorenz Linner war zum damaligen Zeitpunkt überzeugt: „Das kann nicht funktionieren!“ Die Problematik sah er darin, den Führungskräften zu veranschaulichen, dass sie Macht abgeben sollten und dass sich dabei sogar mehr herausholen ließe, als man zuvor investiert hatte.

Für die Mitarbeitenden gab es von einem Tag auf den anderen eine große Veränderung. „Da waren Leute, die seit 35 Jahren im Unternehmen sind. Jetzt kommen wir Youngster und sagen ihnen, dass sie ab morgen tun können, was sie wollen. Das war ganz und gar nicht beruhigend für die“, schmunzelt Katharina Linner, meint es aber durchaus ernst. Es war eine anstrengende Zeit, die sich für die Geschwister aber gelohnt hat.

Wichtig für Katharina Linner war, dass jeder einen abgegrenzten Bereich hat. Lorenz Linner kümmert sich um die Prozesse, Ludwig Linner um die Technik und den Vertrieb, sie selbst ist zuständig für das Controlling und die „Mannschaft“. Dass keiner auf das Abenteuer Führung vorbereitet wird, war bald klar. Lorenz beschreibt es so: „Da hilft kein Coach, da braucht es gute Begleiter.“ Für ihn ist Führung kein technisch perfekter Prozess, den man auswendig lernt.

Mit Widerständen umgehen, aus Rückschlägen lernen

Die größte Lektion für Katharina aber war es, mit Widerständen zu kooperieren. Um überhaupt mit Gegenwehr umgehen zu können, müsse man jedoch zuerst lernen mit dem eigenen Widerstand umzugehen. Dies kenne sie, wenn etwa die Anschaffung einer sehr teuren Maschine anstehe. „Ich kenne mich damit nicht aus“, sagt Katharina Linner verzweifelt. Sie sehe auch nicht die Notwendigkeit darin, so eine Maschine anzuschaffen. In diesem Moment braucht die Geschäftsfrau die Bestärkung durch ihre Brüder genauso wie Vertrauen in sich selbst.

Aber auch der Umgang mit Rückschlägen sei wichtig, so Lorenz Linner. „Wenn man Verantwortung übernimmt, dann muss man sich auch eingestehen, dass man Fehler macht.“ So kann es sein, dass man falsche Entscheidungen trifft. „Das tut weh und kostet Kraft. Aufstehen und weitermachen“, so der Tipp von Lorenz Linner. 

Die Linner GmbH hat viel, so Katharina Linner, in das Zwischenmenschliche investiert. Ihr Bruder Ludwig meint dazu, dass dadurch kein Euro verdient sei. „Ich behaupte, wir machen jeden Euro damit“, protestiert die Schwester. Diesen Weg sieht sie als ihren gemeinsamen Erfolgsweg. In der Linner GmbH in Wolnzach begegnen sich alle auf Augenhöhe, sie schätzen einander wert und tragen zusammen Verantwortung. Nicht für jeden sei das der richtige Weg, so Lorenz Linner. „Autoritär ist einfach, man kann den Kopf ausschalten.“ Er nennt es die Wahl, sich als Süß- oder als Salzwasserfisch zu bezeichnen. Die Linners sind allesamt Süßwasserfische, so viel ist klar.

Katharina und Lorenz Linner von der Linner GmbH in Wolnzach betreiben zusammen mit ihrem Bruder Ludwig einen mutigen Führungsstil.
Katharina und Lorenz Linner von der Linner GmbH in Wolnzach betreiben zusammen mit ihrem Bruder Ludwig einen mutigen Führungsstil.
Prof. Dr. Thomas Falter von der Fakultät Betriebswirtschaft der OTH Regensburg freut sich auf die beiden Gäste und ihren Vortrag im "Degginger".
Prof. Dr. Thomas Falter von der Fakultät Betriebswirtschaft der OTH Regensburg freut sich auf die beiden Gäste und ihren Vortrag im "Degginger".
Etliche Interessierte kamen am 22. Januar 2019 ins "Degginger".
Etliche Interessierte kamen am 22. Januar 2019 ins "Degginger". Fotos: Sarah Sophie Ruppert