Gesundheitssystem

Wenn Pflege das System neu denkt

Wenn Prof. Dr. Annette Meussling-Sentpali über das Gesundheitssystem spricht, spricht sie selten zuerst über Ärztinnen und Ärzte oder Krankenhäuser. Sie spricht über das Dazwischen. Über Menschen, die nicht wissen, an wen sie sich wenden sollen. Über chronisch Erkrankte, die immer wieder dieselben Stationen durchlaufen. Über Pflegefachpersonen, deren Wissen im Alltag oft ungenutzt bleibt. Es geht darum, wer begleitet, berät, vorbeugt und Verantwortung übernimmt. Die Pflege könnte dabei eine viel größere Rolle spielen, als sie heute spielen darf – wenn das System bereit ist, neu zu denken.

Diese Perspektive hat die Professorin der OTH Regensburg jetzt in eine bundesweite Reformdebatte eingebracht. Gemeinsam mit weiteren Expertinnen und Experten wirkte sie an der Veröffentlichung „Reformbedarf in der Primärversorgung. Für ein zukunftsfestes Gesundheits- und Pflegewesen“ der Friedrich-Ebert-Stiftung mit. Die im April 2026 erschienene Publikation beschäftigt sich mit der Frage, wie eine Primärversorgung aussehen kann, die stärker an den Bedürfnissen der Menschen und an den regionalen Gegebenheiten ausgerichtet ist.

Primärversorgung klingt zunächst nach einem Fachbegriff. Tatsächlich geht es um eine ziemlich alltägliche Frage: Wer hilft mir eigentlich als Erstes? Die Hausarztpraxis gehört dazu. Genauso die ambulante Pflege, Beratungsangebote, Prävention oder die Begleitung von Menschen mit chronischen Erkrankungen. Genau dort entscheidet sich oft, ob eine Behandlung früh beginnt oder ob Beschwerden so lange mitgeschleppt werden, bis schließlich doch nur noch die Klinik bleibt.

Fehlende Verzahnung

„An manchen Stellen droht das System zu kippen“, sagt Prof. Dr. Meussling-Sentpali. Sie meint damit nicht einen einzelnen Bereich. Hausarztpraxis, Pflege, Prävention, Beratung – vieles existiert bereits. Nur arbeitet es häufig nicht so zusammen, wie es eigentlich müsste. Zuständigkeiten wechseln. Informationen gehen verloren. Patientinnen und Patienten müssen ihren Weg durchs System oft selbst organisieren.

Auch in Ostbayern lässt sich das beobachten. Manche Hausarztpraxen finden keine Nachfolge mehr, ambulante Dienste arbeiten seit Jahren an der Belastungsgrenze. Gleichzeitig steigt die Zahl älterer Menschen, die dauerhaft medizinische und pflegerische Unterstützung brauchen. Die Frage lautet deshalb nicht mehr nur, wie zusätzliche Ärztinnen und Ärzte gewonnen werden können, sondern wer künftig welche Aufgaben übernimmt. Dabei lohnt sich ein Blick auf einen Punkt, der in der Diskussion über die Gesundheitsversorgung häufig übersehen wird: Pflege ist weit mehr als die praktische Unterstützung im Alltag. Professionelle Pflege ist eine hochkomplexe Tätigkeit, die Fachwissen, wissenschaftliche Erkenntnisse, klinische Einschätzung und Verantwortung miteinander verbindet.

Man meint häufig, Pflege sei etwas sehr Einfaches oder sogar genetisch Angelegtes, was im Grunde jeder kann und wofür es nur genügend fleißige Hände braucht.

beschreibt Prof. Dr. Annette Meussling-Sentpali, Beauftragte für den zentralen Entwicklungsschwerpunkt Gesundheit an der OTH Regensburg, ein verbreitetes Missverständnis.

Ein zweites Missverständnis betrifft die Familie. Noch immer wird häufig davon ausgegangen, Angehörige könnten unter den heutigen Lebensbedingungen zusätzliche Pflegearbeit übernehmen – wenn nur der gute Wille vorhanden sei. Doch die Lebensrealitäten haben sich verändert. Menschen arbeiten, leben häufig nicht mehr am selben Ort wie ihre Eltern und Großeltern und kümmern sich gleichzeitig um Kinder und andere Angehörige. Pflege innerhalb der Familie ist deshalb nicht einfach eine kostenlose Reserve des Gesundheitssystems. Sie hat soziale und auch erhebliche wirtschaftliche Folgen.

Mehr Verantwortung für Pflegefachpersonen

Hier setzt die Pflegewissenschaft an. Akademisch qualifizierte Pflegefachpersonen könnten deutlich mehr Verantwortung übernehmen – etwa indem sie chronisch kranke Menschen langfristig begleiten, Risiken früh erkennen, Gesundheitskompetenz stärken oder unnötige Krankenhausaufenthalte verhindern.

International ist das vielerorts längst Teil der Versorgung. Auch in Deutschland entstehen inzwischen erste konkrete Modelle. Ein Beispiel ist die Community Health Nurse. Sie arbeitet wohnortnah, verbindet pflegerische Expertise mit Prävention, Gesundheitsförderung, Beratung und Koordination und kann damit gerade dort eine Lücke schließen, wo medizinische, pflegerische und soziale Fragen ineinandergreifen. Der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) beschreibt Community Health Nursing ausdrücklich als Teil einer modernen Primärversorgung und verweist auf internationale Erfahrungen unter anderem aus England, Finnland und Spanien.

Wie das aussehen kann, zeigt etwa Luckau in Brandenburg. Dort arbeitet seit 2024 Tahnee Leyh als erste Gemeindegesundheitspflegerin des Landes in einem Projekt des Deutschen Roten Kreuzes. Zu ihren Aufgaben gehören unter anderem Gesundheitsberatung, Blutdruckmessungen und die Koordination mit Pflegediensten. Ziel ist es, Menschen vor Ort zu erreichen und die Primärversorgung zu entlasten.

Auch das PORT-Gesundheitszentrum auf der Schwäbischen Alb zeigt, dass solche Strukturen nicht nur eine theoretische Idee sind. In der Gemeinde Hohenstein entstand trotz Ärzte- und Pflegekräftemangels ein interprofessionelles Gesundheitszentrum, das die Versorgung vor Ort neu organisiert und verschiedene Gesundheitsberufe zusammenbringt. PORT steht dabei für Patientenoprientierte Zentren zur Primär- und Langzeitversorgung. Das Prinzip dahinter ist einfach: Nicht jede Frage muss zwangsläufig in der Arztpraxis beginnen. Und nicht jede gesundheitliche Situation braucht am Ende ein Krankenhaus.

Was heute schon möglich wäre

Noch deutlicher wird das Potenzial in der klinischen Versorgung. Advanced Practice Nurses, also Pflegefachpersonen mit akademischer Qualifikation auf Masterniveau und zusätzlicher Spezialisierung, können in komplexen Versorgungssituationen eigenständige Aufgaben übernehmen und die Behandlung koordinieren.

Damit wird deutlich, worum es bei der Akademisierung der Pflege eigentlich geht: nicht darum, Pflegekräfte zu Ärztinnen und Ärzten zu machen. Sondern darum, pflegerische Expertise dort einzusetzen, wo sie gebraucht wird – und die unterschiedlichen Kompetenzen sinnvoll miteinander zu verbinden. Am Universitätsklinikum Regensburg (UKR) ist diese Entwicklung bereits seit mehreren Jahren sichtbar. Das Klinikum beschreibt Advanced Nursing Practice als einen Ansatz, bei dem Pflegeexpertinnen und -experten mit wissenschaftlichem Masterabschluss in spezialisierten Praxisfeldern tätig sind und die Versorgung evidenzbasiert weiterentwickeln.

Unsere Absolventinnen und Absolventen sind für diese Aufgaben qualifiziert. Trotzdem können viele ihr Wissen im Berufsalltag noch gar nicht vollständig einsetzen, weil die rechtlichen und abrechnungstechnischen Voraussetzungen fehlen.

Prof. Dr. Annette Meussling-Sentpali

Nicht etwas abschaffen - sondern etwas ermöglichen

Die entscheidende Frage lautet deshalb weniger, welche bestehende Regelung abgeschafft werden müsste. Vielmehr geht es darum, welche Voraussetzungen geschaffen werden müssen, damit neue Versorgungsmodelle dauerhaft funktionieren. Dazu gehören aus Sicht von Prof. Dr. Meussling-Sentpali vor allem berufsrechtliche Regelungen für Pflegefachpersonen mit Masterabschluss. Denkbar seien beispielsweise ein Niederlassungsrecht oder ein Verordnungsrecht für bestimmte Leistungen. Auch die Übertragung heilkundlicher Tätigkeiten auf entsprechend qualifizierte Pflegefachpersonen gehört zu den Punkten, die derzeit diskutiert werden.

Der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe sieht genau hier eine zentrale Hürde: Die starre Aufgabenverteilung zwischen den Gesundheitsberufen müsse überwunden werden, damit Community Health Nurses und andere Advanced Practice Nurses eigenverantwortlicher arbeiten können.

Dabei geht es nicht darum, die Professionalisierung der Pflege zurückzudrehen und stattdessen möglichst viele ungelernte oder angelernte Kräfte einzusetzen. Im Gegenteil: Prof. Dr. Meussling-Sentpali plädiert für eine weitere Professionalisierung und Akademisierung, gerade auch in der Altenpflege. Dazu gehört aus ihrer Sicht auch, neue Rollen wie Community Health Nurses oder School Nurses dauerhaft in die Regelversorgung zu integrieren und ihre Finanzierung verbindlich zu klären. Ebenso müsse sich der Personaleinsatz stärker am tatsächlichen Pflegebedarf orientieren und nicht daran, wie viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gerade zur Verfügung stehen. Das wäre ein grundlegender Perspektivwechsel: Nicht die vorhandenen Ressourcen bestimmen, welche Pflege möglich ist. Der tatsächliche Bedarf bestimmt, welche Ressourcen notwendig sind.

Warum Deutschland so spät dran ist

Wenn solche Modelle international längst funktionieren, stellt sich zwangsläufig die Frage: Warum tut sich Deutschland damit so schwer? Ein Grund liegt aus Sicht von Prof. Dr. Meussling-Sentpali in der Geschichte der Pflege selbst. Deutschland hatte zwar schon lange eine vergleichsweise gute berufliche Pflegeausbildung. Die Entwicklung auf akademischem Niveau setzte jedoch sehr spät ein. Pflege wurde über Jahrzehnte vor allem praktisch und nicht als eigenständige wissenschaftliche Profession gedacht. Pflegewissenschaft, Pflegeforschung und pflegewissenschaftliche Promotionen entwickelten sich entsprechend spät.

Hinzu kommt die historische Struktur des deutschen Gesundheitssystems. Es ist stark arztzentriert. Wenn über Primärversorgung gesprochen wird, wird das deshalb häufig verkürzt als Frage der hausärztlichen Versorgung verstanden. Doch Primärversorgung ist mehr als die Hausarztpraxis. Sie umfasst auch Pflege, Prävention, Gesundheitsförderung, Beratung und die Koordination verschiedener Angebote. Die Friedrich-Ebert-Stiftung beschreibt sie als erste, umfassend zugängliche und am Grundbedarf der Bevölkerung orientierte Ebene des Gesundheitssystems.

Ein dritter Faktor ist die vergleichsweise schwache berufspolitische Position der Pflege. Die Berufsgruppe ist groß, aber ihre Interessen sind lange nur begrenzt in politische Entscheidungsprozesse eingeflossen. Es gibt in Deutschland nur wenige Pflegekammern, keine flächendeckend starke eigenständige berufspolitische Selbstverwaltung und eine traditionell geringere berufspolitische Organisierung als etwa in der Ärzteschaft.

Auch die historische Trennung von Krankenpflege und Altenpflege hat Folgen. Sie hat dazu beigetragen, dass die Altenpflege gesellschaftlich und professionell lange weniger Anerkennung erhielt. Ausgerechnet dort, wo der Unterstützungsbedarf angesichts des demografischen Wandels besonders stark wächst, zeigen sich heute deshalb besonders große Versorgungsprobleme.

Wer übernimmt künftig welche Aufgaben?

Mehr Personal allein wird die Probleme kaum lösen. Die eigentliche Zukunftsfrage lautet deshalb: Wer übernimmt künftig welche Aufgaben? Und wie arbeiten die verschiedenen Berufsgruppen so zusammen, dass Patientinnen und Patienten nicht immer wieder von vorne anfangen müssen?

Ein stärker multiprofessionell organisiertes System könnte vieles verändern. Community Health Nurses könnten Menschen mit chronischen Erkrankungen kontinuierlich begleiten, Gesundheitsrisiken früh erkennen und die Verbindung zwischen medizinischer Behandlung, Pflege und sozialen Unterstützungsangeboten herstellen. Advanced Practice Nurses könnten in spezialisierten Bereichen Verantwortung übernehmen und komplexe Verläufe koordinieren.

Auch digitale Systeme können dabei helfen, Informationen weiterzugeben und Patientinnen und Patienten schneller an die passende Stelle zu lotsen. Entscheidend ist aber: Digitalisierung ersetzt keine professionelle Beziehung. Sie kann die Zusammenarbeit unterstützen – nicht die Menschen, die sie leisten.

Dass solche Modelle funktionieren können, zeigen inzwischen auch deutsche Projekte. Beim Innovationsfonds-Projekt NAVIGATION etwa übernehmen speziell geschulte Community Health Nurses nach einer individuellen Bedarfsanalyse Aufgaben in der Versorgungsplanung, Gesundheitsberatung und Koordination. Ärztliche und pflegerische Unterstützung werden je nach Bedarf miteinander verbunden.

Die Pflege muss sich verändern – und das System mit ihr

Die Debatte über die Zukunft der Pflege wird deshalb nicht allein durch die Frage entschieden werden, wie viele Menschen künftig in Pflegeberufen arbeiten. Entscheidend wird auch sein, welche Qualifikationen diese Menschen haben, welche Verantwortung sie übernehmen dürfen und wie ihre Arbeit im Gesundheitssystem verankert wird.

Die Entwicklung ist bereits in Gang. Der DBfK berichtete im Juli 2026 nach einer internationalen Fachtagung, dass Community Health Nursing in Ländern wie Australien, Großbritannien, Estland und Spanien in unterschiedlichen Formen in die Primärversorgung eingebunden ist. Gleichzeitig wurde deutlich: In Deutschland dürfen solche Ansätze nicht dauerhaft im Status von Modellprojekten bleiben.

Für Prof. Dr. Meussling-Sentpali bedeutet das nicht, dass Ärztinnen und Ärzte künftig weniger wichtig werden. Im Gegenteil. Es geht um eine andere Form der Zusammenarbeit. Gesundheitsversorgung könnte dann stärker danach organisiert werden, was Menschen tatsächlich brauchen und weniger danach, welcher Berufsgruppe eine bestimmte Aufgabe traditionell zugeordnet wurde.

Die Ideen liegen auf dem Tisch. Die wissenschaftlichen Konzepte ebenfalls. Erste Modelle zeigen, dass es funktionieren kann. Offen ist vor allem, wie schnell daraus Alltag werden kann – in Arztpraxen, Pflegeeinrichtungen, Schulen und den Regionen, in denen gute Versorgung schon heute keine Selbstverständlichkeit mehr ist. Vielleicht beginnt die notwendige Reform deshalb mit einer vergleichsweise einfachen Erkenntnis: Pflege ist nicht das, was übrig bleibt, wenn die Medizin ihre Arbeit getan hat. Pflege ist ein eigenständiger Teil der Gesundheitsversorgung. Und vielleicht ist genau das der Punkt, an dem ein Gesundheitssystem beginnen kann, sich neu zu denken.