Gleichberechtigung
Brauchen wir 2026 überhaupt noch eine Sexismusdebatte?
Frauen studieren, forschen und übernehmen Führungsverantwortung. Sie arbeiten als Ingenieurinnen, Informatikerinnen oder Professorinnen. Dass Frauen grundsätzlich all diese Wege offenstehen, erscheint heute selbstverständlich. Doch das bedeutet nicht, dass Frauen und Männer auf diesen Wegen auch gleichberechtigt vorankommen.
Wie groß dieser Unterschied tatsächlich ist, zeigt ein Blick auf die Zahlen: Der She Figures Index der Europäischen Kommission dokumentiert den Stand der Geschlechtergleichstellung in Forschung und Innovation – von Studium und Forschung bis hin zu Führungspositionen. Deutschland erreicht dabei nur 62,8 von 100 Punkten und liegt, gemeinsam mit Malta, auf dem drittletzten Rang (Platz 23 von 27). Nur Zypern und Luxemburg liegen niedriger.
Diese Zahlen deuten bereits an, worum es im Kern geht: Sexismus ist nicht verschwunden. Er zeigt sich nur nicht immer dort, wo wir ihn erwarten, nicht unbedingt als offene Beleidigung oder eindeutige Herabsetzung, sondern auch in Rollenbildern, in der Wahrnehmung von Kompetenz, in beruflichen Strukturen und Machtverhältnissen. Und inzwischen findet er auch in digitalen Räumen statt. „Sexismus ist nicht subtiler geworden, nur anders. Was sich verändert hat, ist seine Form", sagt Prof. Dr. Clarissa Rudolph, Forschungsprofessorin für Geschlechterforschung und Gender Studies an der OTH Regensburg.
Rudolph beschäftigt sich seit Jahren wissenschaftlich mit Geschlechterverhältnissen, Gleichstellung und Frauen in MINT. Im Forschungsprojekt „Digital Hate" untersucht die OTH Regensburg gemeinsam mit weiteren Partnern, wie digitale Gewalt insbesondere Wissenschaftlerinnen aus gesellschaftlich umkämpften Forschungsfeldern trifft. Die ersten Ergebnisse zeigen: Sexistische Anfeindungen finden online häufig offen statt und sind bei Frauen stärker sexualisiert. Wie genau sich das im Alltag zeigt, wird deutlich, wenn man auf die weniger offensichtlichen Formen von Sexismus schaut. Denn Sexismus beginnt nicht erst bei einer Beleidigung.
Wenn Sexismus nicht offensichtlich ist
Manchmal sind es gerade die Sätze, bei denen man kurz innehält:
„Bist du dir sicher?"
„Das war wahrscheinlich gar nicht so gemeint."
„Ich würde das nicht überbewerten."
„Hast du das vielleicht sogar provoziert?"
Solche Reaktionen können dazu beitragen, dass Betroffene ihre eigene Wahrnehmung infrage stellen. War das wirklich sexistisch? Übertreibe ich? Oder sollte ich einfach darüber hinwegsehen? „Es muss nicht ein gravierender Vorfall passieren, damit eine Situation ernst genommen werden darf", sagt Jana Faerber, Gleichstellungsbeauftragte der OTH Regensburg.
Nicht jede missverständliche Bemerkung ist automatisch sexistisch. Trotzdem sollte es möglich sein, über eine Situation zu sprechen, ohne sich dafür zunächst rechtfertigen zu müssen. Gerade beiläufige oder verschleierte Formen können schwer einzuordnen sein – und genau hier setzen Geschlechterstereotype an, die oft unbewusst wirken.
Der große Einfluss der Geschlechterstereotype
Geschlechterstereotype beeinflussen auch 2026, wem man Führung zutraut und wem die Verantwortung für Fürsorge zugeschrieben wird. Laut dem European Institute for Gender Equality (EIGE) stimmen 31 Prozent der Männer in der EU der Aussage zu, dass Männer bessere Führungskräfte sind als Frauen. Bei Frauen sind es weniger als 20 Prozent. Gleichzeitig verbringen 41 Prozent der Frauen mit Kindern mehr als 35 Stunden pro Woche mit Kinderbetreuung, bei Männern sind es nur 20 Prozent. Männer als Führungskräfte und Ernährer, Frauen als Fürsorgende: Stereotype beeinflussen reale Karriere- und Lebenschancen.
Besonders deutlich zeigen sich solche Zuschreibungen im Hochschulalltag, vor allem in technischen und wissenschaftlichen Fächern. Eine Studentin stellt beispielsweise einen technisch komplexen Lösungsansatz vor. Die Gruppe diskutiert ihn kritisch. Derselbe Vorschlag könnte anders wahrgenommen werden, wenn er von einem Mann kommt, etwa weil technische Kompetenz unbewusst eher Männern zugeschrieben wird.
Dabei sind solche Zuschreibungen selten böswillig gemeint. Viele Menschen äußern sexistische oder geschlechtsbezogene Zuschreibungen, weil sie eigentlich denken, das sei gesellschaftlich akzeptiert oder zumindest unproblematisch. Werden sie jedoch darauf hingewiesen, erkennen sie häufig, dass das nicht angemessen war.
Wie sehr solche Muster den Hochschulalltag prägen, zeigt auch eine qualitative Untersuchung der OTH Regensburg mit MINT-Studentinnen: Frauen in stark männlich geprägten Fächern haben teilweise das Gefühl, eine Ausnahme zu sein. „Viele möchten diese Sonderrolle jedoch gar nicht einnehmen. Sie wollen schlicht als Studentinnen ihres Fachs wahrgenommen werden“, so Prof. Dr. Rudolph. Dabei ist die OTH Regensburg mit dieser Situation nicht allein: Die Unterrepräsentation von Frauen in bestimmten MINT-Fächern zeigt sich auch international. 2023 lag der Frauenanteil in Deutschland in den Ingenieurwissenschaften bei 27,8 Prozent und in der Informations- und Kommunikationstechnologie bei 24,8 Prozent. In den Naturwissenschaften, Mathematik und Statistik war das Geschlechterverhältnis mit 52,4 Prozent hingegen nahezu ausgeglichen (CEWS 2026b).
Forschung über Sexismus – und der Blick auf die eigene Hochschule
Geschlechterverhältnisse wissenschaftlich zu untersuchen, ist das eine. Die Erkenntnisse auf die eigene Hochschule anzuwenden, das andere. Die OTH Regensburg beschäftigt sich deshalb nicht nur in der Forschung mit dem Thema: Eine hochschulweite Befragung von Beschäftigten in den Jahren 2022/23 lieferte Hinweise darauf, wie Geschlechterstereotype und Diskriminierung auch im eigenen Arbeitsalltag wahrgenommen werden.
Rund ein Drittel der Befragten gab an, häufig oder manchmal beobachtet zu haben, dass Frauen aufgrund von Vorurteilen voreingenommen bewertet oder behandelt wurden. Weitere 22 Prozent berichteten von solchen Beobachtungen selten. Gleichzeitig zeigte sich: Diskriminierung wird nicht automatisch angesprochen. 21 Prozent der Befragten, die Diskriminierung selbst erlebt oder beobachtet hatten, gaben an, gar nicht reagiert zu haben.
Diese Ergebnisse sind damit auch eine Aufforderung zur Selbstreflexion. Denn Forschung über Sexismus bedeutet nicht automatisch, dass eine Hochschule frei von sexistischen Strukturen ist. Sie bietet vielmehr die Möglichkeit, die eigenen Strukturen kritisch zu hinterfragen und dort anzusetzen, wo Handlungsbedarf besteht. Dies ist auch im Selbstverständnis der OTH Regensburg und in ihren Entwicklungszielen, etwa im Hochschulentwicklungsplan (HEP), verankert. Die Hochschule setzt sich für Chancengleichheit und gegen Diskriminierung ein.
Wissen schafft Handlungsmöglichkeiten
Wie wissenschaftliche Auseinandersetzung und Praxis zusammenkommen können, zeigt das hochschulübergreifende Zusatzstudium Genderkompetenz, das die OTH Regensburg gemeinsam mit der Universität Regensburg anbietet. Studierende können sich dort wissenschaftlich mit Geschlechterverhältnissen, Diskriminierung und Gleichstellungsprozessen auseinandersetzen und lernen, geschlechtsspezifische Ungleichheiten zu erkennen und Veränderungsmöglichkeiten zu entwickeln. Das Angebot steht Studierenden verschiedener Fachrichtungen offen. Gerade für eine technisch ausgerichtete Hochschule ist das interessant: Genderkompetenz wird damit nicht als Thema verstanden, das nur einzelne Studiengänge oder die Gleichstellungsarbeit betrifft, sondern als Wissen, das in unterschiedliche berufliche und gesellschaftliche Bereiche hineinwirkt.
Neben diesem Bildungsangebot geht die OTH Regensburg auch die internen Strukturen direkt an: Bei Berufungsverfahren kommt beispielsweise ein Unconscious-Bias-Training zum Einsatz. Es soll dafür sensibilisieren, dass unbewusste Vorstellungen und Stereotype die Bewertung von Bewerberinnen und Bewerbern beeinflussen können. Ergänzend wurde die Berufungsrichtlinie überarbeitet. Damit rückt eine zentrale Frage in den Fokus: Wie lassen sich faire Entscheidungen dort sicherstellen, wo über wissenschaftliche Karrieren und damit auch über Macht und Einfluss an der Hochschule entschieden wird?
Auch die Forschung selbst greift aktuelle Formen von Sexismus auf. Die OTH Regensburg untersucht im Forschungsprojekt „Digital Hate", wie sich digitale Gewalt speziell gegen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus gesellschaftlich umstrittenen Bereichen wie Gender-, Klima- und Migrationsforschung entwickelt. Die Ergebnisse sind ernüchternd: Sexismus begegnet einem hier häufig und unverhohlen, sei es in Form von offenen Beleidigungen, direkten Beschimpfungen, Anfeindungen und sogar Drohungen. Zwar betrifft das auch Männer, allerdings sind bei Frauen die Angriffe stärker sexualisiert.
Wo Betroffene auf solche Erfahrungen reagieren möchten, gibt es an der Hochschule konkrete Unterstützungs- und Beschwerdemöglichkeiten: Studierende und Beschäftigte können sich bei Diskriminierung, Ungleichbehandlung oder sexueller Belästigung an die Gleichstellungsbeauftragten wenden. „Manchmal hilft es Betroffenen bereits, wenn jemand zuhört", sagt Faerber. Welche weiteren Schritte sinnvoll sind, wird gemeinsam mit der betroffenen Person besprochen.
Seit dem Beitritt zum „Bündnis gegen Sexismus" im Jahr 2025 gibt es zudem weitere Beschwerdemöglichkeiten, darunter eine anonyme Diskriminierungsbeschwerde. Gerade in Abhängigkeitsverhältnissen kann ein geschützter Weg wichtig sein, um eine Erfahrung zunächst anzusprechen.
Gleichstellung ist kein fertiges Projekt
Der Beitritt zum „Bündnis gegen Sexismus" ist damit weniger ein Endpunkt als eine Selbstverpflichtung: hinzuschauen, bestehende Strukturen zu hinterfragen und weitere Maßnahmen zu entwickeln. Dazu gehören auch Angebote zur Sensibilisierung und individuellen Stärkung. Ein Beispiel dafür ist der Rhetorik-Workshop für Mitarbeiterinnen. Das große Interesse daran, zwölf Plätze standen rund 40 Anmeldungen gegenüber, zeigt, dass es einen Bedarf gibt.
Solche Angebote sind jedoch nur ein Teil der Antwort, denn Gleichstellungsarbeit reicht weiter: Nicht die Betroffenen müssen sich verändern, sondern es lohnt sich zu fragen, wo Verfahren, Routinen oder Verhaltensweisen Ungleichheiten begünstigen können. Gesellschaftlichen Sexismus kann eine Hochschule nicht allein lösen. In ihrem eigenen Verantwortungsbereich kann sie jedoch prüfen, wie Entscheidungen getroffen werden, wie mit Macht und Grenzen umgegangen wird und welche Kultur an der Hochschule gelebt wird. Es geht nicht nur darum, einzelne Frauen zu stärken oder Betroffenen nach einem Vorfall Unterstützung anzubieten. Es geht auch um die Frage, wie Strukturen gestaltet sind, welche Verhaltensweisen sich eingeschlichen haben und was sich verändern muss. Die OTH Regensburg plant deshalb unter anderem, Informationen und Anlaufstellen digital besser zugänglich zu machen und das Thema mit einer erneuten Befragung weiter zu beobachten.
Brauchen wir also 2026 noch eine Sexismusdebatte? Ja – vielleicht gerade deshalb, weil vieles heute selbstverständlich erscheint. Sexismus zeigt sich in Rollenbildern, in der Bewertung von Kompetenz, in Machtverhältnissen und digitalen Räumen. Ihn zu erkennen, ist der erste Schritt. Die schwierigere Aufgabe besteht darin, auch dort hinzuschauen, wo die eigene Organisation betroffen sein könnte.