Erbschaftsteuerreform als verpasste Chance

24.11.2016
Von: Stabsstelle Hochschulkommunikation und Öffentlichkeitsarbeit

Mit der aktuellen Reform der Erbschaftsteuer hat der Steuergesetzgeber eine Chance vertan, gesellschaftliche Entwicklung zu berücksichtigen. Der Gesetzentwurf orientiere sich am traditionellen Bild von Ehe und Familie, bemängeln Prof. Dr. Clarissa Rudolph und Prof. Dr. Claus Koss der OTH Regensburg im Interview mit DATEV eG.

Prof. Dr. Claus Koss und Prof. Dr. Clarissa Rudolph beim Interview mit DATEV eG in der Hochschulbibliothek der OTH Regensburg.

Prof. Dr. Claus Koss und Prof. Dr. Clarissa Rudolph beim Interview mit DATEV eG in der Hochschulbibliothek der OTH Regensburg. Foto: DATEV eG

Anlass für das Interview ist die im Herbst dieses Jahres vom Bundestag und Bundesrat verabschiedete Reform der Erbschaftsteuer.

Übereinstimmend weisen Politologin Prof. Dr. Clarissa Rudolph der Fakultät Angewandte Sozial- und Gesundheitswissenschaften und Steuerrechtler Prof. Dr. Claus Koss der Fakultät Betriebswirtschaft an der OTH Regensburg im Interview darauf hin, dass der vor kurzem veröffentlichte Gesetzentwurf sich am traditionellen Bild von Ehe und Familie orientiert. Doch die Gesellschaft hat sich gewandelt - das hätte bei der jetzt geplanten Reform berücksichtigt werden sollen.

Prof. Dr. Clarissa Rudolph erklärt im Interview der DATEV eG: "20% der Kinder wachsen bei Alleinerziehenden auf - Tendenz steigend, 10% der Familien sind gleich- oder gegengeschlechtliche Lebensgemeinschaften"

"Steueroptimal", fügt Prof. Dr. Claus Koss hinzu, "ist die Einverdiener-Ehegatten-Familie mit allen ihren Klischees: möglichst er sehr reich, sie arm, Hausfrau, Mutter, er stirbt, sie erbt." Die wachsende Vielfalt an Familienformen spiegelt sich nicht im Erbschaftsteuerrecht wieder.

"Verpasste Chance", urteilt die Politologin Prof. Dr. Clarissa Rudolph. Der Gesetzgeber hätte die Chance nutzen und gesellschaftliche Entwicklungen begleiten können. Beim Unterhaltsrecht werden auch neue Lebensformen herangezogen, von den steuerlichen Vorteilen blieben sie aber weitgehend ausgeschlossen. Damit werde alles außerhalb 'Ehemann-Ehefrau-Kind=Familie' subtil und finanziell unattraktiv gemacht.

Prof. Dr. Clarissa Rudolph ist habilitierte Politikwissenschaftlerin mit dem Forschungsschwerpunkt "Soziale Ungleichheiten im Geschlechterverhältnis". Ihr aktuelles Forschungsprojekt befasst sich mit den Arbeitsbedingungen und der Interessenvertretung von Pflegekräften in Bayern im Rahmen des bayerischen Forschungsverbundes "ForGenderCare". Sie ist Koordinatorin der Forschungsstelle "Forschung, Transfer und Beratung in den Bereichen Soziales, Gesundheit, Kultur" (ForsAS).

Prof. Dr. Claus Koss lehrt an der Fakultät Betriebswirtschaftslehre. Er ist Steuerberater und Wirtschaftsprüfer.

Die DATEV eG ist ein genossenschaftlich von Steuerberatern organisierter Anbieter für Steuersoftware und IT-Dienstleister. Die OTH Regensburg ist Bildungspartner der DATEV eG.

Das Interview ist ab Ende November online auf dem Channel der Steuerberatergenossenschaft DATEV eG zu sehen.

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