Antike Bauforschung an der Hochschule Regensburg

12.11.2007
Von: Prof. Dr. Thekla Schulz-Brize

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) finanziert bauhistorische Untersuchungen zum Aufbau des Apollon Smintheios Tempels in der Westtürkei

Forschungsschwerpunkt der Architekturgeschichte in der Hochschule Regensburg ist seit 1995 die Historische Bauforschung, vor allem die Untersuchung antiker Tempel. So wurden in den vergangenen Jahren bereits die römischen Tempel im Heiligtum der Hera von Samos und der Zeustempel in Aizanoi in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Archäologischen Institut untersucht. Im letzten Jahr begann eine internationale und interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen der Universität Ankara, Prof. Dr. Coskun Özgünel und der Hochschule Regensburg, Prof. Dr. Thekla Schulz-Brize am westlichsten Punkt Asiens. In der Westtürkei südlich von Troja befindet sich der hellenistische Tempel des Apollon Smintheios. Prof. Özgünel, Archäologe der Universität Ankara und Leiter der Ausgrabung, suchte bereits seit einiger Zeit einen Bauforscher für die Rekonstruktion des Tempels. Das Projekt wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanziert, die damit erstmalig die Historische Bauforschung an einer Hochschule fördert.

Der Tempel des Apollon Smintheios ist mit seiner ungewöhnlich reichen Bauornamentik ein hellenistisches Bauwerk von höchstem Rang. Während der Reliefschmuck und die Bauornamentik von Prof. Özgünel und anderen Archäologen bereits publiziert wurden, konnte der konstruktive Zusammenhang dieser wichtigen Architekturelemente im August 2006 und 2007 von Prof. Schulz-Brize mit den Studierenden Ilona Dudzinski, Heike Bücherl und Roland Lau vor Ort detailliert untersucht werden. So wurden insgesamt 400 Bauteile des Tempels in einer Datenbank erfasst, beschrieben, fotografiert und gezeichnet. Das wichtigste ist die zeichnerische Dokumentation, bei der die Bauteile mit ihren Besonderheiten, technischen Details wie Dübel-, Klammer- und Stemmlöchern, der Ornamentik, den Abarbeitungen und Bruchflächen verformungsgerecht im M 1: 10, M 1:5 und teilweise auch M 1:1 wiedergegeben werden. Nur bei diesem genauen Zeichnen und Hinsehen können alle wesentlichen Details eines Bauteils erkannt werden. Die Zeichnungen der einzelnen Bauteile sind die Grundlage für die präzise Rekonstruktion des Tempels in Grund- und Aufriss, wie bei einem 3D-Puzzle.

Der Tempel gehört mit der – im Vergleich zum Säulenabstand - doppelt tiefen Ringhalle zu den sog. Pseudodipteroi. Die Erfindung dieser Bauform wird Hermogenes, dem führenden Architekten des Hellenismus, zugeschrieben. Die bisherigen Forschungen zu diesem Bautyp konzentrierten sich vor allem auf die Quellenanalyse sowie den Vergleich des Aufbaus, der Proportionen und der Baudekoration der Pseudodipteroi. Der detaillierte baukonstruktive Zusammenhang dieser Bauten, deren besondere Bauweise und die Lösung komplizierter konstruktiver Probleme der erweiterten Ringhalle wurden bislang noch nicht erforscht.Eine baukonstruktive und statische Besonderheit ist die Gebälk- und Dachkonstruktion, die beim Tempel des Apollon Smintheios – wie bei den meisten Pseudodipteroi – aus Holz bestand. Von der Gebälkkonstruktion des Apollontempels sind zahlreiche Blöcke mit Auflagerflächen für die hölzernen Balken, Pfetten und Sparren erhalten, so dass der hölzerne Dachstuhl vollständig rekonstruiert werden kann, was bislang bei keinem Pseudodipteros möglich war. Die Balkenlage kann als ebenes hölzernes Flächentragwerk rekonstruiert werden und ist damit die erste uns bekannte Konstruktion dieser Art in der Antike.

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