Was bedeutet Vertreibung?

16.01.2020
Von: Prof. Dr. Martina Ortner

Für einen Vortrag über „Das 20. Jahrhundert – das Jahrhundert der Vertreibungen“ hatte der berufsbegleitende Studiengang Soziale Arbeit den Vizepräsidenten des Bundes der Vertriebenen Christian Knauer gewinnen können.

Gastreferent Christian Knauer, Vizepräsident des Bundes der Vertriebenen, Altlandrat und ehemaliger CSU-Landtagsabgeordneter, bei seinem Vortrag im Dezember 2019 an der OTH Regensburg. Der Referent arbeitet derzeit als Mitglied des Stiftungsrates beim Kunstforum Ostdeutsche Galerie (KOG) in Regensburg mit.

Gastreferent Christian Knauer, Vizepräsident des Bundes der Vertriebenen, Altlandrat und ehemaliger CSU-Landtagsabgeordneter, bei seinem Vortrag im Dezember 2019 an der OTH Regensburg. Der Referent arbeitet derzeit als Mitglied des Stiftungsrates beim Kunstforum Ostdeutsche Galerie (KOG) in Regensburg mit. Foto: Prof. Dr. Martina Ortner

Unter dem Titel „Das 20. Jahrhundert – das Jahrhundert der Vertreibungen“ stand Mitte Dezember 2019 ein Gastvortrag, den der frühere Aichacher Landrat und Vizepräsident des Bundes der Vertriebenen (BdV), Christian Knauer, vor Studierenden des berufsbegleitenden Studiengangs Soziale Arbeit an der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg (OTH Regensburg) in der Lehrveranstaltung „Gesellschaft und Migration“ hielt.

In seinem Vortrag spannte der Gastreferent den Bogen von den ersten Vertreibungen von Türkinnen und Türken aus Bosnien in den Jahren 1875 bis 1878 über die Ereignisse in den zerfallenden Vielvölkerreichen nach dem Ersten Weltkrieg. Obgleich sich Vertreibungen in Kriegs- und Nachkriegszeiten häuften, wurden „Zwangsumsiedlungen“ auch in Friedenszeiten von demokratisch gewählter Regierung und Völkerbund durchgeführt und gebilligt. 

Als Beispiel führte er das Schicksal der 1,2 Millionen anatolischen Griechinnen und Griechen und der 365.000 griechischen Musliminnen und Muslime an. Weiter erinnerte der BdV-Vizepräsident an die Vertreibung der Jüdinnen und Juden zu Beginn der nationalsozialistischen Rassenpolitik, die Zwangsumsiedlung von Polinnen und Polen, Ukrainerinnen und Ukrainern, Baltinnen und Balten und der finnischen Karelierinnen und Karelier. Auch nach der Vertreibung von 14 Millionen Deutschen aus den ehemaligen deutschen Reichsprovinzen und den Siedlungsgebieten im östlichen Europa habe das traurige Kapitel nicht geendet. So gab es 1974 Vertreibungen als Folge des Zypern-Konflikts sowie später im jugoslawischen Bürgerkrieg.

Aufruf zu Empathie und Gesprächen mit Zeitzeuginnen und -zeugen 

Mit Schilderungen vom Schicksal der eigenen, aus Schlesien vertriebenen Familie, warb er um Empathie für das Leid der von Vertreibung betroffenen Menschen. Die Studierenden forderte er auf, das Gespräch mit älteren Menschen zu suchen, um mehr über die Erfahrungen während des Vertreibungsgeschehens und bei Ankunft der Menschen in Bayern zu erfahren. „Sie sind die letzten, die noch Gelegenheit haben, Zeitzeugen zu befragen!“, mahnte Knauer.

Als Hauptaufgaben des Bundes der Vertriebenen bezeichnete der Vizepräsident die Wahrnehmung der Funktionen als Brückenbauer zu den heute in der alten Heimat lebenden Bewohnerinnen und Bewohnern, als Mahner gegen Vertreibungen sowie als Erinnerer und Pfleger des Kulturguts der Deutschen aus dem Osten. Zudem sieht er den BdV als Fürsprecher der deutschen Minderheiten im Ausland und als aktiv mitarbeitende Instanz in der Migrationsberatung.

Abschluss der Vortragsreihe zu „Gesellschaft und Migration“

Mit diesem Beitrag endete die Vortragsreihe der Lehrveranstaltung „Gesellschaft und Migration“, in der mit verschiedenen Gastvorträgen ganz konkrete gesellschaftliche Aspekte von Flucht, Vertreibung und Migration betrachtet und untersucht werden sollten. Am 25. September 2019 referierte Ludwig Simek, Referent der Arbeitsgemeinschaft der Integrationsbeiräte in Bayern (AGABY), am 18. Oktober 2019 sprach Prof. Dr. Christian Knödler von der OTH Regensburg über rechtliche Aspekte der Migration und am 15. November 2019 war Maren Stinessen Bøe mit einem Beitrag über die soziale Arbeit mit rumänischen Roma in Oslo, Norwegen in Regensburg zu Gast.

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