Pflege im internationalen Vergleich am Beispiel Norwegen

12.07.2018
Von: Dr. Kerstin Pschibl

Um „Krankenpflege in Norwegen“ ging es bei einem Gastvortrag an der Fakultät Angewandte Sozial- und Gesundheitswissenschaften Anfang Juli 2018. Exklusiv dazu eingeladen war die Fachkrankenpflegerin Tone Beate Finvold.

Referentin Tone Beate Finvold, Fachkrankenpflegerin für Psychiatrie und Leiterin der Abteilung „Lernen und bewältigen“ beim Gesundheitsdienstleister Vestre Viren Helseforetak.

Referentin Tone Beate Finvold, Fachkrankenpflegerin für Psychiatrie und Leiterin der Abteilung „Lernen und bewältigen“ beim Gesundheitsdienstleister Vestre Viren Helseforetak. Foto: Dr. Kerstin Pschibl

Das Gesundheitswesen in Norwegen stand im Mittelpunkt des Gastvortrags der Fachkrankenpflegerin Tone Beate Finvold am 3. Juli 2018 an der Fakultät Angewandte Sozial- und Gesundheitswissenschaften der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg (OTH Regensburg).

Auf Einladung der Studiengangleiterin Prof. Dr. Christa Mohr stellte die Referentin den Studierenden des Bachelorstudiengangs Pflege dual die Ausbildungswege und Arbeitsbedingungen für Pflegekräfte in Norwegen vor und diskutierte mit ihnen die Unterschiede zu Deutschland. Im Mittelpunkt des Vortrags stand außerdem das partizipative „Shared Decision Making“, das durch einen gemeinsamen und gleichberechtigten Entscheidungsfindungsprozess der Gesundheitsprofessionen mit den Patientinnen und Patienten gekennzeichnet ist.

Mehr Pflegekräfte pro Patientin oder Patient

Die Autonomie der Patientinnen und Patienten hat Vorrang. „Patienten und Angehörige werden bei allen Entscheidungen mit einbezogen“, erläuterte Tone Beate Finvold. “Dies ist gesetzlich abgesichert.“ Das Ziel einer „ganzheitlichen Betreuung“ ist zentral und wird auch vonseiten der Politik unterstützt. Ausbildung und personelle Ausstattung der Gesundheitsdienste sind danach ausgerichtet.

Tone Beate Finvold arbeitet bei einem Gesundheitsdienstleister in Helse Sør-Øst, dem größten der vier norwegischen Verwaltungsgebiete mit etwa 490.000 Einwohnerinnen und Einwohnern. In den sechs Krankenhäusern von „Vestre Viken Helseforetak“ sind 9.400 Mitarbeitende beschäftigt. Laut der internationalen Pflege-Vergleichsstudie RN4CAST aus dem Jahr 2012 kommen in Norwegen vier Patientinnen und Patienten auf eine Pflegekraft, in Deutschland sind die Pflegekräfte im Schnitt für 13 Patientinnen und Patienten zuständig.

Beteiligung aller als Grundlage

Das „Shared Decision Making“ – mit der Beteiligung der Patientinnen und Patienten als Grundlage – erfordert, dass Patientinnen und Patienten, ihre Angehörigen und das Pflegepersonal im Stande sind, miteinander zu kommunizieren und zusammenzuarbeiten. Die Ausbildung und die Fort- und Weiterbildung müssen dementsprechend ausgerichtet sein.

Es geht, so Tone Beate Finvold, „um die Entwicklung der richtigen Einstellung, die Richtlinien für diese Arbeit und das geeignete Werkzeug“. Die Fachkräfte in der Krankenpflege sind durchgängig akademisiert, neben dem dreijährigen Bachelorstudium haben etwa 60 Prozent zusätzliche Spezialausbildungen absolviert, beispielsweise in der Intensivpflege oder der Kinderkrankenpflege. Die Kliniken verfügen, laut Finvold, über eigene Forschungsabteilungen und Fachentwicklungseinheiten, in denen zunehmend Masterabsolventinnen und -absolventen sowie promovierte „Phd’s“ arbeiten.

Skandinavisches Modell als Vorbild für Deutschland

Prof. Dr. Christa Mohr, die im neuen Masterstudiengang Advanced Nursing Practice (ANP) den Schwerpunkt „Psychiatrische Pflege“ verantwortet, hofft, dass das skandinavische Gesundheitssystem ein Vorbild für Deutschland sein kann. „Neben dem ausgezeichneten Stellenschlüssel geht es auch um den hohen Stellenwert der Pflegeethik“, so Prof. Dr. Mohr.

Der gesellschaftliche Wandel stellt die Pflegefachkräfte vor neue Herausforderungen im Hinblick auf reflektiertes Arbeiten und vernetztes Denken. Es geht in der Akademisierung der Pflege darum, „evidenzbasiertes pflegerisches Handeln, Reflexionskompetenz, edukative, prozesssteuernde und kommunikative Kompetenz zu fördern, um so den gestiegenen Anforderungen des Gesundheitssystems gerecht zu werden“.

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