Green Cities – wie schaffen wir nachhaltige Städte?

19.11.2011
Von: Ostbayerisches Technologie-Transfer-Institut e.V. (OTTI)

Das Ostbayerische Technologie-Transfer-Institut e.V. OTTI hatte zum Forum Green Cities an die Hochschule Regensburg (HS.R) geladen. Die Resonanz war riesengroß und äusserst positiv.

Das Forum Green Cities fand Ende September an der Hochschule Regensburg (HS.R) statt. Foto: OTTI

Was ist eine „Green City“? Wie „grün“ muss die Stadt der Zukunft sein? Wie können Kommunen nachhaltiger werden? Um diese Themenvielfalt drehte sich das „Forum Green Cities“ Ende September an der Hochschule Regensburg (HS.R). Gemeinsam mit der Weltkulturerbestadt und der HS.R hatte das Ostbayerische Technologie-Transfer-Institut e.V. OTTI nach Niederbayern geladen. Die gekommen waren - Städteplaner, Ingenieure, Architekten, Energie- und Baufachleute aus Kommunen, Hochschulen und verschiedensten privaten und öffentlichen Unternehmen - erwartete ein breit gefächertes, zweitägiges gemischtes Programm aus Workshops, Plenum, Podiumsdiskussionen. Und nicht zuletzt stand jede Menge Meinungsaustausch an.

Für Prof. Dr. Birgit Scheuerer-Lenzen müssen „Häuser anpassbar an Veränderungen über Jahrhunderte“ sein. Zwar würden in zehn Jahren Null- oder Plusenergiehäuser im Neubau Standard“ sein. Doch „beim Blick auf Bestandshäuser geht das nicht“, weiß die Architektin von der Hochschule Regensburg. „Lebensqualität und städtebauliche Bedeutung, Verbrauch und Erzeugung müssen Hand in Hand gehen“, fordert Prof. Scheuerer-Lenzen. Denn selbst heute werden bei Neubauten „die Herstellung und der Abbruch, der ganze Lebenszyklus heute nicht mit zu den Emissionen gezählt.“  

Hans Mönninghoff macht „die Kombination aus Wirtschafts- und Umweltdezernent richtig Spaß.“ Für den Hannoveraner ist „Wohnen in der Stadt die nachhaltigste Lebensform.“ Dabei gelte es, „attraktive Wohn- und Lebenssituationen für Junge und Ältere in der Stadt gleichermaßen zu schaffen. Weg vom reinen Naturschutz, hin zur Naturbildung, Werte von Grün und Natur vermitteln“ sind seine Lösungsansätze. Mönninghofs positives Resümee nach drei Jahrzehnten Stadtpolitiker: „Grünpolitik ist wirtschaftliche Standortpolitik.“
„Nachhaltig, das funktioniert nicht für fünf oder zehn Jahre. Man darf nicht jeder Mode nachlaufen.“ Laut Heinrich Bruns vom Amt für Grünflächen und Umweltschutz der Stadt Münster soll die Westfälische Universitätsstadt Deutschlands „lebenswerteste Stadt“ werden.

"Beim „European Energy Award wurden wir 2009 mit Gold ausgezeichnet gemeinsam mit Lausanne und Zürich. Da geht es nicht nur um Energieanwendung, sondern auch um Raumordnung, Mobilität, Kommunikation, interne Organisation, Recycling“, zählt Bruns auf. Doch ist das schon nachhaltig? Klar: Münster hat sich Klimaziele gesetzt, bis 2020 40 Prozent weniger CO2 als 1990, oder einen Anteil von 20 Prozent mit Erneuerbaren Energien. „Energiegerechte Bauleitplanung, Südorientierung und so weiter, alles in Kaufverträgen festgelegt.

"Doch ein GuD-Dampfkraftwerk kann man nur einmal machen“, gibt er zu. Somit sei CO2-Reduktion eine dauernde Kärrneraufgabe, mit wenigen großen und vielen kleinen Beiträgen. „Ein Energiemix aus 20 Megawatt (MW) Wind, viel Photovoltaik, Solarthermie und 3,5 MW Biomasse. Natürlich nutzen wir das Gas aus der Mülldeponie ebenso wie Klärgas.“ Doch was anderswo oft vergessen wird, beachten die Münsteraner auch: Den große Anteil des Verkehrs an den Treibhausgasen. „Die Siedlungsentwicklung mit ÖPNV, Radwegen, Nahverkehrskonzept und mehr wird bei uns konsequent durchgehalten.

Wir sind eine >Stadt der kurzen Wege<, wo es  Bus- und Radspuren gibt, ein Radparkhaus für 70 Euro pro Jahr, und wo Räder vor Autos an den Ampeln stehen dürfen“, zählt Heinrich Bruns auf. Doch er verschweigt auch nicht „ein logistisches Problem: Um den Bahnhof herum parken oft 18.000 Räder.“ Nicht nur deshalb sei für die Münsteraner Stadtverwaltung „intensive Presse- und Öffentlichkeitsarbeit als Kernaufgabe unerlässlich. Denn ohne Bürgerinnen und Bürger geht nichts“, weiß Heinrich Bruns. Da können sich die Beamten noch so viel tolle Sachen ausdenken.

„Wir haben Anfang der 80er Jahre mit der Entwicklung nach drinnen angefangen, hin zu der Stadt der kurzen Wege“, erinnert sich Prof. Wulf Daseking vom Amt für Stadtplanung  aus Freiburg zurück. Eine Frage zur „Grünen und Sozialen Stadt ist: Wo wohnen die Älteren? Der Supermarkt auf der >Grünen Wiese< ist der Tod der Innenstädte“, und werde deshalb in Freiburg nicht mehr zugelassen, nennt er in seinem Festvortrag eines von vielen nachhaltigen Beispielen in der Stadt im Breisgau. „Stadtplanung heißt kämpfen, Stück für Stück für Stück“, lautet Prof. Dasekings Berufsmotto. 

„Tübingen, die Grüne Stadt“ hat laut ihrem Umweltschutzbeauftragten Bernd Schott „sehr viele Parallelen mit Münster, doch auch Unterschiede im Detail.“ Womit Schott deutlich macht: Green Cities – bei Tübingen steht dafür die Farbe Blau – brauchen jeweils ganz genau auf das eigene Profil zugeschnittene Konzepte. Mobilität, Wasser-, Ver- und Entsorgung, Abfall- und Ressourcenwirtschaft, innovative Strom- und Wärmeversorgung und ebenso zukunftsgerichtete Stadtentwicklung gehören dazu. Für genau diese fünf Themenfelder gab es beim OTTI-Forum facettenreiche, ein- und zweitägige Workshops. 

„Schade, dass man da nicht ständig hin- und herwechseln konnte“, merken Gäste an. Denn eigentlich ist für die meisten fast alles von Interesse: Das Zusammenwirken verschiedenster Themen, die „Interaktion“ macht die nachhaltige Stadt aus, ist man sich einig. Kein Wunder, dass diese Interaktion, der Meinungsaustausch zwischen den verschiedenen Akteuren mit dem Publikum, in den Pausen ebenso stark gepflegt wird wie bei den Plenumsveranstaltungen.

Dr.-Ing. Hanshelmut Itzel von der Deutschen Gesellschaft für Abfallwirtschaft aus Berlin stellt vor allem zwei Fragen: „Wie können wir Energie und Ressourcen, alles was im Abfall steckt, wieder nutzen? Und was kann der Bürger, der Abfallerzeuger also, tun, um Rohstofflieferant zu werden?“ Bürger wie Institutionen müssten den „Wertstoffschatz heben“, der in Industrieprodukten versteckt sei, wie beispielsweise den „Rohstoffwert von über 50 Mio. Euro in etwa 70 Mio. Alt-Handies“, der in Deutschlands Haushalten herumliege.

Bei Mobilität seien die viel diskutierten „Elektrofahrzeuge nur ein kleiner Bereich“, zeigt Markus Döhn von der Deutschen Post ein Imageproblem auf, das Fußgänger- und Fahrradverkehr haben. Neben den unterschiedlichsten Anforderungen an Lieferverkehre auf Straßen, Schienen, Wasserwegen und in der Luft ist für Prof. Dr.-Ing. Uwe Schäfer von der Deutschen Gesellschaft für  Elektrische Straßenfahrzeuge e.V. Berlin „gerade auch die Intermodalität im Individualverkehr  offen: Wie kann ich problemlos von einem Verkehrsmittel auf anderen wechseln?“, wo bekanntlich das Elektroauto für Fernstrecken kaum geeignet ist.

Für Rosa Hemmers ist der „Umbau der Energieversorgungsstruktur spannend im Stadtentwicklungsprozess, nicht nur technisch sondern auch gesellschaftlich. Wir sind heute zentral ausgerichtet, vom Erzeuger zum Verbraucher. Wir kommen aber hin zu immer mehr dezentralen Erzeugungspunkten. Das führt zu einem anderen Netz und veränderten Gesellschaftsstrukturen. Das Optimum liegt in einer Gesamtenergieversorgung, nicht im Nullenergiehaus“, fasst die Energiewirtschaftsfachfrau aus Bonn zusammen.

Das „Querschnittsthema Stadtentwicklung“ stärker ins Blickfeld rücken will deshalb Prof. Dr. Manfred Miosga. Für den Forscher für Stadt- und Regionalentwicklung von der Universität Bayreuth ist vor allem wichtig: „Wir müssen die Menschen erreichen, damit sie umsteuern im Nutzerverhalten.“ Gerade in Städten, wo weltweit etwa 50% der Menschen leben, sei eine „integrierte Herangehensweise an Klimaschutz und Energieversorgung unumgänglich: Das bedeutet der Begriff Green Cities.“ Darin spielt die Stadtgestaltung die eine zentrale Rolle. Doch es gelte ebenso, „neue innovative Wege zu gehen, um den Individualverkehr umzusteuern.“

Ein Thema, das auch der Fachliche Tagungsleiter Prof. Dr.-Ing. Gerhard Hausladen anspricht: „Es ist immer noch nicht gelungen, Wohnen und Arbeiten zusammenzubringen und den Verkehr zu integrieren.“ Zudem „schauen alle Städte gleich aus: In allen wird es warm. Wenn wir weltweit alle Städte über einer Million Einwohnern mit hellen Fassaden, Gründächern, hellem Asphalt ausrüsten, könnten wir  den gleichen positiven Effekt erreichen, wie die Welt durch 100 Millionen Autos negativ beeinflusst wird. Umdenken“ nennt Hausladen den aus seiner Sicht wohl wichtigsten Nachhaltigkeitsansatz.
Und bei den Worten „nicht wirtschaftlich“ schwellen Prof. Hausladen sichtlich die Adern: „Das kann ich nicht mehr hören! Wenn jemand sagt: >Kollektoren sind nicht wirtschaftlich<, dann frage ich ihn: >Ist Hof pflastern wirtschaftlich?<“

Laut dem Lehrstuhlchef für Bauklimatik und Haustechnik der Technischen Universität München wäre viel erreicht, wenn die Leute auf der Straße auf schlechte Beispiele zeigen, nach dem Motto: „Da schau hi: Der Huber könnte auch endlich mal was tun!“ Denn Fakt ist für Hausladen: „Energie wird die zentrale Rolle der Zukunft spielen. Und das ist keine Frage der Technologie.“

„Lieber rechtzeitig als zu spät“ habe OTTI Regensburg laut Institutsleiter Dr.-Ing. Thomas Luck das Thema Green Cities angehen wollen. Doch das „Heimspiel mit mehrdimensionalem Ansatz hätte ohne Professor Hausladen nicht geklappt.“ Deshalb dankt er besonders dem Bauphysiker und Fachlichen Tagungsleiter, aber auch „den Veranstaltungspartnern und dem gesamtem Beirat: Es ist immer wichtig, dass Leute bereit sind, mit zu arbeiten, Ideen zu entwickeln.“ Das Forum Green Cities, dessen Notwendigkeit OTTI-Technologiekolleg-Chef Eckardt Günter beim „Cluster Green City Freiburg“ begriffen habe, solle 2012 weitergeführt werden, verspricht Dr. Luck.

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