Brasilien interessierte den HS.R-Gesprächskreis

16.11.2011
Von: Prof. Dr. Holger Haldenwang, HS.-R-Vizepräsident

Der Gesprächskreis „Interkulturelles Management" der Hochschule Regensburg (HS.R) in Kooperation mit ti communication hatte das lateinamerikanische Land zum Thema.

Interkultureller Gesprächskreis: Zum Start der Reihe und bis dato stets vertreten Gerhard Hain (ti communication). Foto: Feuerer

„ Kokosnuss und Pfirsich“ mit diesem Vergleich begann Vivian Leite, deutsch-brasilianische Coach, ihren Vortrag über interkulturelle Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Deutschland und Brasilien. Während die Deutschen eher einer Kokosnuss (harte Schale, weiches Inneres) zuzuordnen sind und die Amerikaner dem Typus Pfirsich (weiches Äußeres, aber harter Kern) entsprechen, vereinen die Brasilianer eher beide Bilder.

Anlässlich des nun bereits zum vierten Mal an der HS.R durchgeführten Gesprächskreises „Interkulturelles Management“ am 15. November 2011 an der HS.R, in dem dieses Mal das Land „Brasilien“ im Mittelpunkt der Ausführungen und Diskussion stand, konnten interessierte Unternehmensvertreter, Professoren, Professorinnen und Studierende den Ausführungen von zwei Referentinnen über „Interkulturelle Fallstricke und Erfolgsfaktoren“ lauschen.

Brasilien mit mehr als 195 Millionen Menschen, die sich auf einer Fläche von 8,5 Quadratkilometern (= fünftgrößtes Land der Erde) verteilen, ist das neuntgrößte Land bezogen auf das BIP (2009), rückt seit mehreren Jahren mit Wachstumsraten von mehr als fünf Prozent zunehmend in den Mittelpunkt des Interesses, auch der deutschen mittelständisch strukturierten Wirtschaft.

Als erste Referentin berichtete Andrea Brandl-Luckner (Geschäftsführerin Fa. Brandl Maschinenbau, Pfeffenhausen) über den Markteintritt und den Werksaufbau ihres Unternehmens, das seit 1998 in Brasilien engagiert ist. Das Unternehmen hat sich als First Tier Anbieter damals entschieden im Gefolge des Werkaufbaus eines Großkunden (AUDI) nach Curitiba - südwestlich von Sao Paulo - zu gehen und sich dort anzusiedeln. Die Standortentscheidung für Curitiba fiel aus folgenden Gründen: Kundennähe, Mitarbeiterpotenzial, Produktionsfläche und eine gute Verkehrsanbindung.

Es hat dann allerdings einige Jahre gedauert, bis dort die ersten Erfolge festgestellt werden konnten. Die Gründe hierfür lagen in den Schwierigkeiten des Werksaufbaus, die unter anderem darin zum Ausdruck kamen, geeignete zweisprachige Berater vor Ort zu finden, weil es beim Import gebrauchter Maschinen Probleme mit dem Zoll gegeben hat, weil die Kundengewinnung vor Ort aufgrund anderer Einkaufsstrukturen beim Großkunden ebenfalls nicht so einfach wie gedacht war. Man musste sich deshalb vollkommen nach anderen Kunden umsehen. Als zusätzlicher Hemmschuh stellte sich die notwendige Qualifizierung der vor Ort zu gewinnenden Arbeitskräfte heraus, die umfangreich angelernt und geschult werden mussten.

Aus Sicht von Brandl-Luckner sind entscheidende Erfolgsfaktoren für das deutsche Unternehmen in Brasilien:

  • Anpassung der Kommunikation: In Gesprächen mit Brasilianern ist es wichtig nicht „zu Deutsch“ also zu „direkt“ aufzutreten. Generell wird der persönliche Kontakt in Brasilien sehr geschätzt, deshalb ist es auch wichtig persönlich präsent zu sein. 
  • Des Weiteren gelten Zuverlässigkeit, Liefertreue und hohe Qualität als Erfolgsfaktoren in Brasilien. Es ist ein starker Wachstumsmarkt, in dem die Automobilbranche seit geraumer Zeit einen Aufschwung erfährt. Und als „deutsche“ Industriestadt ist Curitiba eine gute Plattform für den Austausch mit anderen deutschen Unternehmen vor Ort.
  • Was generell die Geschäfte in Brasilien erschwert, ist das komplizierte Steuersystem vor Ort.
  • Erfolgreich ist man dann, wenn man den „Kompromiss zwischen deutschen Tugenden und brasilianischem Flair“ findet. Mit brasilianischem Flair ist gemeint, sein Anliegen eher indirekt zum Ausdruck zu bringen und den emotionalen Brasilianer nicht vor den Kopf zu stoßen.
  • Brasilien ist auch das Land des „Depende“ und „Jeitinho“ -  beide Ausdrücke bezeichnen „brasilianische Lebensmanöver“. „Depende“  bedeutet „Das hängt davon ab“, weshalb sich brasilianische Prozesse gegenüber den Deutschen oft zögerlich verhalten und die Prozesse dadurch auch geldaufwändiger sind. „Jeitinho“: bezeichnet am Ende „das, was man dann tut“.
  • Generell kann Brasilien insbesondere aus brasilianischer Sicht der Referentin Leite als der wahrscheinlich weltweit einzige „richtige“ Meltingpot der Kulturen gesehen werden.

Diese und viele weitere Tipps und Erkenntnisse konnten die insgesamt gut 20 Teilnehmer und Teilnehmerinnen an der über dreistündigen Abendveranstaltung, die gemeinsam unter der Leitung von Prof. Dr. Holger Haldenwang (Vizepräsident HS.R) und Gerhard Hain (ti communication) stand, nach einer anregenden Diskussion mit nach Hause nehmen.

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