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Öffentliche Vortragsreihe “Gender und Care"

17.01.2018
Von: Katja Schmidt

Debatten, Bedingungen und Perspektiven: Auch im Wintersemester 2017/2018 organisierte die Fakultät Angewandte Sozial- und Gesundheitswissenschaften der OTH Regensburg, mit finanzieller Unterstützung des Professorinnenprogramms II, eine öffentliche Vortragsreihe.

"Gender und Care". Symbolbild: OTH Regensburg / Florian Hammerich

"Gender und Care". Symbolbild: OTH Regensburg / Florian Hammerich

Unter dem Titel "Gender und Care: Debatten, Bedingungen und Perspektiven" wurden in den letzten Monaten verschiedene Debatten zur aktuellen Care-Krise betrachtet. Denn Care und deren Bedingungen sind zwar von grundlegender gesellschaftlicher Relevanz, jedoch fehlen gesellschaftliche Antworten auf die veränderten Rahmenbedingungen – kurz gefasst – heute ist nicht mehr klar, wer warum und unter welchen Bedingungen zukünftig pflegt, putzt, versorgt, wäscht und sich kümmert. 

Margrit Brückner hat zunächst den Begriff „Care“ näher erläutert und versucht, die Verwobenheit und Komplexität von Fürsorge im Kontext von Geschlechterverhältnissen und Vergeschlechtlichungsprozessen zu bestimmen. 

Adelheid Biesecker hat mithilfe ihrer Kritik am Begriff und Konzept klassischer Ökonomiekonzepte deutlich gemacht, wie unzureichend es ist, Be-Wertung nur auf kapitalerzeugende Prozesse zu beziehen. Stattdessen müsse es darum gehen, einen komplexen Begriff von Gerechtigkeit zu entwickeln und umzusetzen, der Geschlechter- und Naturverhältnisse zur normativen Grundlage gesellschaftlichen Handelns macht. Care-Ökonomie wird dabei zum Zwilling der Markt-Ökonomie, Re-Produktivität wird zur Vermittlungskategorie und alle dort angesiedelten Arbeiten kumulieren in einem neuen Arbeitsbegriff. Sorgen wird zur öffentlichen Aufgabe. 

Den Zusammenhang von öffentlicher, gesellschaftlicher Sorge-Verantwortung und Emanzipationsprozessen hat Mirjam Höfner aufgezeigt in ihrer historischen Betrachtung von Sozialer Arbeit. Sie konnte zeigen, dass Soziale Hilfe/Soziale Arbeit durchaus emanzipatorisches Potential für Frauen hatte, weil sie zunächst deren Handlungsspielräume vergrößerte, dann aber in der Folge durch die Reduktion auf das Konzept „weiblicher Arbeit“ insbesondere auch nach dem zweiten Weltkrieg Handlungsspielräume für Frauen wieder verringerte. 

Katja Schmidt hat die Bedeutung von Vergeschlechtlichungsprozessen für Arbeitsbedingungen und Interessenvertretung  bei der Vorstellung von Zwischenergebnissen des hier an der OTH angesiedelten Forschungsprojektes zur Pflegearbeit vorgestellt: Dabei wurde nicht nur die Bedeutung der wohlfahrtsstaatlichen Einbettung von Pflege-/Arbeit sichtbar, sondern auch dass die Verknüpfung von Vergeschlechtlichungs- und Vermarktlichungsprozessen dazu führt, dass der Widerstand gegen die Arbeitsbedingungen oftmals gering und v.a. individualisiert erfolgt. 

Frank Luck hat schließlich die Folgen der Vergeschlechtlichungsprozesse aus „Männerperspektive“ aufgezeigt: so beinhalten aktuelle Männlichkeitskonzepte  ein spezifisches Verhältnis zum Körper und zum Gesundheitshandeln, das sich entsprechend gesellschaftlicher Arbeitsteilung v.a. an Leistungsfähigkeit und dem Selbstbild physischer Unverwundbarkeit orientiert. Mit der Folge, dass Männer einen komplizierten und ambivalenten Zugang zu Krankheit haben.

Mosaiksteine für die abschließende Podiumsdiskussion

All diese Vorträge und Diskussionen boten Mosaiksteine für die abschließende Podiumsdiskussion „Care-Krise? Debatten zur Politisierung von Care-Arbeit“ am 9. Januar 2018. Dr. In. Ina Praetorius, Theologin, Autorin, Referentin Bloggerin und Mitbegründerin der schweizerischen Initiative „Wirtschaft ist Care“ hat uns  in ihrem Impulsvortrag eingeladen einen kritischen Blick auf die historisch und gegenwärtig zweigeteilte Ordnung (Produktion und Reproduktion) unserer Wirtschafts- und Gesellschaftsorganisation zu werfen und dafür plädiert, die vermeintliche Care-Krise vielmehr als eine Krise der politischen Rahmenbedingungen in der Folge gesellschaftlicher Transformationsprozesse zu verstehen. 

Vor diesem Hintergrund wurden auf dem Podium vor allem Fragen nach konkreten sozialpolitischen Gestaltungsmöglichkeiten sowie relevanten Akteur/innen kontrovers diskutiert. Podiumsgäste waren Margit Berndl, Vorstandsvorsitzende des Paritätischen Wohlfahrtsverbands Bayern, Robert Hinke, Verdi Fachbereichsleiter für Soziales und Gesundheit in Bayern, sowie Barbara Thiessen, Professorin für geschlechtersensible Soziale Arbeit an der Hochschule Landshut und Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit.

Einigkeit bestand darin, dass die Politisierung privater und professioneller Care-Bedingungen schließlich eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist, die auf individueller, verbandlicher und gesetzlicher Ebene veränderbar ist.

Exemplarisch stehen hierfür die arbeitspolitische Organisierung der Beschäftigten, die Gewährleistung flexibler Arbeitszeitmodelle seitens der Arbeitgeber/innen, sowie die strategische Vernetzung von institutionellen AkteurInnen, wie Verbänden, Gewerkschaften und Einzelinitiativen. 

Ein konkretes Vernetzungs- und Austauschtreffen unter dem Motto „Kümmert Euch! Barcamp zu Vernetzung, Politik und Fürsorge“ wird am 30. Juni 2018 in München stattfinden. Weitere Infos folgen in Kürze. 

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