Podiumsdiskussion im Rahmen der Regensburger Nachhaltigkeitswoche

08.06.2021
Von: Prof. Dr. Sonja Haug, Prof. Dr. Karsten Weber, Anna Scharf

Wie können wir unsere Gesellschaft nachhaltig und gerecht gestalten? Mit dieser Frage befasste sich die nachgeholte Podiumsdiskussion der Vortragsreihe "Offene Hochschule 2020".

Am 31. Mai 2021 fand die Podiumsdiskussion zur Vortragsreihe "Offene Hochschule 2020" statt, die aufgrund der Corona-Pandemie verlegt worden war und daher nun eingebettet in den Start der Regensburger Nachhaltigkeitswoche stattfand. Die Podiumsdiskussion folgte der Fragestellung „Wie können wir unsere Stadt nachhaltig und gerecht gestalten?“ und fand angesichts der Corona-Situation virtuell statt.

Trotz der Rahmenbedingungen verfolgte ca. 80 Zuhörer*innen die von Prof. Dr. Markus Bresinsky von der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg (OTH Regensburg) moderierte Diskussion zwischen:

  • Ludwig Artinger, 3. Bürgermeister der Stadt Regensburg
  • Cornelia Wabra, Omas for Future, Initiatorin der Lokalgruppe Regensburg
  • Dr. Jürgen Helmes, Hauptgeschäftsführer der IHK Regensburg für Oberpfalz/Kehlheim
  • Prof. Dr. Guido Pollak, Lehrstuhl für Allgemeine Pädagogik, Universität Passau
  • Prof. Dr. Karsten Weber, Co-Leiter des Instituts für Sozialforschung und Technikfolgenabschätzung (IST) der OTH Regensburg

Die Zuhörer*innen bereicherten die Podiumsdiskussion durch Fragen und Anmerkungen, die sie in den Chat des virtuellen Raums eintragen konnten. Prof. Dr. Bresinsky als Moderator griff entsprechende Anmerkungen mehrfach auf und brachte sie in die Podiumsdiskussion ein.

„Träume sind notwendig für die Gestaltung der Wirklichkeit“

Die Diskutant*innen waren zunächst aufgefordert ein Statement zur Frage „Nachhaltig und gerecht – Traum oder Wirklichkeit für eine Stadt?“ abzugeben. Bürgermeister Artinger merkte hierzu an, dass das mit den Träumen in der Politik problematisch sei und man hier besser von Zielen und Pflichten sprechen müsse, damit entsprechende Maßnahmen im Alltag umgesetzt und nicht aufgeschoben werden würden. Für ein schnelles und vor allem entschlossenes Handeln plädierte auch Cornelia Wabra. Darauf bezugnehmend formulierte Prof. Dr. Weber: „Träume sind notwendig für die Gestaltung der Wirklichkeit“. Dr. Helmes warf ein, dass es kein einheitliches Verständnis des Begriffs "Gerechtigkeit" gebe und damit die Ziele unklar seien. Prof. Dr. Pollak führte weiter aus, dass in jüngster Zeit die Ungerechtigkeiten bspw. im Zugang zu Bildung nochmals deutlicher geworden sind. Auch hier müsse demnach ein gerechtes und nachhaltiges Denken der Stadt Regensburg zur Gestaltung eines Bildungsraums Regensburg ansetzen.

„Auch E-Autos brauchen Parkplätze und fahren auf der Straße“

Die Aussagen der Diskutant*innen vertraten durchaus unterschiedliche Zielvorstellungen und interpretierten Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit in verschiedener Weise. Daher war es nur folgerichtig, dass Prof. Dr. Bresinksy das Gespräch auf Zielkonflikte hin lenkte. Mit Rekurs auf konkrete Beispiele zeigte Bürgermeister Artinger auf, dass Gestaltungsmaßnahmen wie die Umsetzung des Fahrradbegehrens unweigerlich zu Konflikten führten, da hierdurch Veränderungen in der Straßenverkehrsführung notwendig würden, die in Konkurrenz zu Forderungen der Autofahrer*innen stünden: „Auch E-Autos brauchen Parkplätze und fahren auf der Straße“. Dem hielt Cornelia Wabra entgegen, dass schon heute gerade viele junge Leute auf einen eigenen PKW verzichteten und auch in anderen Handlungsfeldern, bspw. in Bezug auf die Ernährung, ein teilweise sehr weitgehendes und radikales Umdenken stattfände. Prof. Dr. Pollak betonte, dass gerade Kinder und Jugendliche bei Themen wie Mobilität oder Ernährung ebenso wie bei anderen Themen mitgestalten können und wollen; jedoch müssten sie dazu auch befähigt werden bzw. fähig sein, d. h. die Chance haben, teilzunehmen. Sowohl Dr. Helmes, als auch Prof. Dr. Weber betonten, dass die Zielkonflikte, über die häufig diskutiert würde, aus Sicht vieler Menschen Luxusprobleme darstellten angesichts von Armut oder dem Fehlen elementarer Lebensgrundlagen.

Die Rolle von Kompromissen

Doch Zielkonflikte gilt es zu lösen. Daher stellte Moderator Prof. Dr. Bresinsky die Frage nach der Rolle von Pragmatismus und Kompromiss. Für Bürgermeister Artinger ist es grundlegend miteinander zu reden, im Gespräch zu bleiben und offen für Argumente zu sein, denn ein gelingendes Zusammenleben sei geprägt durch Kompromisse. Die Stadt Regensburg habe viele Nachhaltigkeitsziele auf der Agenda, werde aber auch durch die verfügbaren Haushaltsmittel in der Umsetzung gebremst. Aus Sicht der Omas for Future argumentierte Cornelia Wabra, dass die Bekämpfung des Klimawandels Geld koste, aber der Klimawandel selbst auch. Es wäre also klüger, in die Bekämpfung des Klimawandels zu investieren. Dr. Helmes sieht es zudem als die Aufgabe aller Beteiligten an Diskussionen über Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit mit den Zielkonflikten richtig umzugehen und den Gesprächsfaden nicht abreißen zu lassen – auch er plädierte für Kompromissfähigkeit auf allen Seiten. Prof. Dr. Pollak schließlich mahnte an, dass der gegenseitige respektvolle Umgang nicht verloren gehen dürfe. Die Rolle der Wissenschaft bei Zielkonflikten und bei einer nachhaltigeren und gerechteren Gestaltung der Stadt Regensburg könne nach Prof. Dr. Weber nur sein, objektives und fachlich fundiertes Wissen – für alle zugänglich und verständlich – bereitzustellen, damit sich die Bürger*innen selbst eine wohlinformierte Meinung zu strittigen Themen bilden können, um gemeinsam Kompromisse zu finden.

Die Vortragsreihe "Offene Hochschule" wird organisiert vom Institut für Sozialforschung und Technikfolgenabschätzung (IST) der OTH Regensburg im Rahmen des OTH-Forschungsclusters "Ethik, Technologiefolgenforschung und Nachhaltige Unternehmensführung" in Kooperation mit der Volkshochschule der Stadt Regensburg (vhs Regensburg). Im Herbst 2021 wird die achte "Offene Hochschule" stattfinden und sich den gesellschaftlichen Auswirkungen der Corona-Pandemie widmen.

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