Online-Vortragsreihe zum Thema "Migration und Geschlecht" stößt auf großes Interesse

18.06.2021
Von: Luisa Albrecht, Katharina Schryro

"Erweiterung der Stimmen – Kollektivität, Identität und Geschlecht in Migrationsdiskursen und Migrationspraxen": Bei Vorträgen im Sommersemester 2021 wurden intersektionale Perspektiven auf geschlechtsspezifische Aspekte von Migration behandelt.

Mit mehr als 400 Teilnehmenden stieß die öffentliche Vortragsreihe "Erweiterung der Stimmen– Kollektivität, Identität und Geschlecht in Migrationsdiskursen und Migrationspraxen" auf großes Interesse.

Mit mehr als 400 Teilnehmenden stieß die öffentliche Vortragsreihe "Erweiterung der Stimmen– Kollektivität, Identität und Geschlecht in Migrationsdiskursen und Migrationspraxen" auf großes Interesse. Foto: Pexels/Steve Johnson

Im Sommersemester 2021 hat sich die öffentliche Vortragsreihe "Erweiterung der Stimmen – Kollektivität, Identität und Geschlecht in Migrationsdiskursen und Migrationspraxen" aus unterschiedlichen Perspektiven mit Widersprüchen zwischen Geschlechterkonstruktionen, Konstruktionen und Erfahrungen von "Flucht" sowie deren Wechselwirkungen beschäftigt. Die Professorinnen Dr. Martina Ortner und Dr. Clarissa Rudolph der Fakultät Angewandte Sozial- und Gesundheitswissenschaften der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg (OTH Regensburg) organisierten die Vortragsreihe, an der mehr als 400 Personen teilnahmen, in Kooperation mit der Hochschulfrauenbeauftragten Prof. Dr. Christine Süß-Gebhard. Im Rahmen von fünf Fachvorträgen waren Studierende, Hochschulangehörige und die interessierte Öffentlichkeit dazu eingeladen, sich mit intersektionalen Perspektiven auf geschlechtsspezifische Aspekte von Migration auseinanderzusetzen. Die Referent*innen thematisieren und analysieren diese in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen im Kontext ihrer Forschungsergebnisse, ihrer (politischen) Arbeit und ihrer sozialen Praxis.

Lebensrealitäten von BPOCs. Politische Intersektionalität als Befreiungsangebot

Dr. Meltem Kulaçatan, Erziehungs- und Politikwissenschaftlerin an der Goethe-Universität Frankfurt, eröffnete die Reihe mit ihrem Vortrag "Lebensrealitäten von BPOCs. Politische Intersektionalität als Befreiungsangebot". Darin thematisierte sie Grenzziehungen und Kategorisierungen auf Basis geschlechterspezifischer Merkmale in Debatten und politischen Praktiken um Migration. Während Sexualstraftaten oder Femizide ein fester Bestandteil der Debatten und politischen Praktiken um Migration und Fluchtmigration seien, würden ressourcenorientierte Ansätze aus der Praxis der Sozialen Arbeit oder aus dem zivilgesellschaftlichen Segment migrantischer Selbstorganisationen kaum Eingang in den medialen Diskurs finden. Dr. Kulaçatan zeigte die Spannungslinien zwischen kollektiven Zuschreibungen und individuellen Selbstpositionierungen auf und erklärte, wie Zuschreibungsmuster erkannt und analysiert werden können.

Ein Schnitt fürs Leben. Weibliche Genitalbeschneidung im Kontext von Migration

Fadumo Korn, Aktivistin und Autorin, Gründerin des Vereins NALA e.V. - Bildung statt Beschneidung und Mitarbeiterin für FGM-Prävention DONNA MOBILE AKA e.V., betonte in ihrem Vortrag "Ein Schnitt fürs Leben. Weibliche Genitalbeschneidung im Kontext von Migration", dass weibliche Genitalbeschneidung – anders als oft behauptet – nichts mit der Religion zu tun habe, sondern vielmehr ein gesellschaftliches Problem sei. Female genital mutilation, kurz FGM, werde auch in Südamerika, in Israel oder in Australien und in den USA praktiziert, so Korn. Die Referentin betonte, dass sich der emotionale Druck dahinter aus Versprechen, Bedrohung und der Tabuisierung des Themas speise und ein ungeheuerlicher Angriff auf die sexuelle Selbstbestimmung der Frauen sei. Sie ist außerdem Autorin des Buchs "Geboren im Regen" – eine Autobiographie, die sich mit ihrer eigenen Geschichte als beschnittene Frau auseinandersetzt. Auf Grund ihrer Erfahrungen betont sie insbesondere, wie wichtig es sei, mit beschnittenen Frauen zu sprechen. Beschneidung kann, ihrer Meinung nach, nur durch die Aufklärung beider Geschlechter sowie die Bildung und finanzielle Unabhängigkeit von Frauen verhindert werden.

„Bist du queer oder bist du Flüchtling?“

Während die Außengrenzen der EU zusehends geschlossen werden, versuchen NGO‘s Geflüchtete zu unterstützen. Dabei rücken immer wieder vulnerable Personengruppen wie LSBTIQ*-Geflüchtete in den Fokus. In mehr als 70 Ländern werden homo- und trans*sexuelle Menschen strafrechtlich verfolgt und durch Öffentlichkeit, Familie und Behörden diskriminiert. Die Folge ist permanente Angst, gesellschaftliche Isolation und Unsichtbarkeit dieser Personengruppen bis hin zu Gewalterfahrungen und Bedrohungen. In seinem Vortrag "Bist du queer oder bist du Flüchtling?" ging Kadir Özdemir, Schriftsteller und intersektionaler Trainer sowie Projektkoordinator der Niedersächsischen Vernetzungsstelle für die Belange der LSBTI-Flüchtlinge, auf geschlechtliche Identität in der Flüchtlingssozialarbeit ein. Wie geht es für sie nach der Ankunft in Deutschland weiter? Welche Probleme und Möglichkeiten bietet die Unterkunftssituation für sie? Welche intersektionalen Unterstützungsangebote gibt es und wie werden sie von verschiedenen politischen Strömungen besprochen? Diese Fragen erörterte Özdemir, um durch eine differenzierte Betrachtung von Debatten um LSBTIQ*-Geflüchtete Aufschluss über Rassismus, LSBTIQ*-Feindlichkeit und deren Verschränkungen in der Gesellschaft zu geben.

Ethnosexismus. Nachwirkungen der Kölner Silvesternacht

Dr. Gabriele Dietze, Kulturwissenschaftlerin, Autorin und Traveling Scholar, setzte den Fokus ihres Vortrags "Ethnosexismus. Nachwirkungen der Kölner Silvesternacht" auf das Zusammenspiel von Sexismus und Rassismus. Die moralische Panik, die um sexuelle Übergriffe junger "Geflüchteter" und Migranten in der Silvesternacht 2015/16 entstanden ist, sei Anlass gewesen die Kategorie "Ethnosexismus" – also die intersektionale Verflechtung von Rassismus und geschlechtsspezifischer Diskriminierung – zu entwickeln, um eine sich zuspitzende Konzeptualisierung von Migration als „sexuellem Problem‘ zu fassen. Diese Kategorie arbeite mit den Abwehrfigurationen der „sexuell unterdrückten muslimischen Frau“ und des „sexuell gefährlichen muslimischen Flüchtlings“, so Dr. Dietze. Die Referentin betonte insbesondere das Phänomen eines "Femonationalismus" des Mainstreamfeminismus sowie die Funktion von Sexualität in neoliberalen Freiheitsdiskursen.

Sexismus – Rassismus. Migration – Geschlecht

Zum Abschluss der Vortragsreihe rundeten die Veranstalterinnen Dr. Martina Ortner, Professorin für Migrationssensible Arbeit und Dr. Clarissa Rudolph, Professorin für Politik und Soziologie die Thematik "Sexismus – Rassismus. Migration – Geschlecht" mit einem Dialog ab und zeigten Widersprüche sowie Handlungspotentiale in der Politik und in der Sozialen Arbeit auf. Dabei gingen sie insbesondere auf die Debattenstränge ein, die im Kontext von Migration und Geschlecht unübersichtlich und kontrovers verlaufen und sowohl mit geschlechtlichen als auch rassistischen Zuschreibungen einhergehen. Auch in der (kultursensiblen) Sozialen Arbeit werde ‚Geschlecht‘ nach wie vor ethnisiert und kulturalisiert. Die Beiträge zur Feminisierung der Migration, die Entdeckung von LSBTQI* in der Flüchtlingssozialarbeit und die Thematisierung von Männlichkeitskonstruktionen hätten erst in den letzten Jahren mehr Aufmerksamkeit gefunden, so die Referentinnen. Die Auswirkungen der geschlechtlichen Zugehörigkeit gelte es in Bezug auf die Migrationserfahrung als auch auf die Lebens- und Politikwirklichkeit im bundesdeutschen Kontext zu reflektieren. Gemeinsam mit den Teilnehmenden wurden Fragen diskutiert wie: Wie sind die migrations- und geschlechterpolitischen Konzepte zu bewerten? Welche Anforderungen muss die Soziale Arbeit bewältigen? Wie müssen sich Politik und Soziale Arbeit in einer zukunftsfähigen emanzipatorischen Einwanderungsgesellschaft positionieren?

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