Besuch der „Zentralen Stelle" in Ludwigsburg

21.06.2019
Von: Sebastian Schuster

Einblicke in die Arbeit der „Zentralen Stelle“, die sich der Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen widmet, erhielten Studierende der Fakultät Angewandte Sozial- und Gesundheitswissenschaften bei ihrer Exkursion nach Ludwigsburg.

Eine zweitägige Exkursion zur "Zentralen Stelle" in Ludwigsburg unternahmen zwölf Studierende der Fakultät Angewandte Sozial- und Gesundheitswissenschaften der OTH Regensburg im Juni 2019 zusammen mit dem Seminarleiter Prof. Dr. Christoph Knödler (2. von rechts).

Eine zweitägige Exkursion zur "Zentralen Stelle" in Ludwigsburg unternahmen zwölf Studierende der Fakultät Angewandte Sozial- und Gesundheitswissenschaften der OTH Regensburg im Juni 2019 zusammen mit dem Seminarleiter Prof. Dr. Christoph Knödler (2. von rechts). Foto: Sebastian Schuster

Im Rahmen des Seminars „Aufklärung und Verfolgung von Verbrechen der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft“ besuchten zwölf Studierende der Fakultät Angewandte Sozial- und Gesundheitswissenschaften der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg (OTH Regensburg) vom 4. bis 5. Juni 2019 die „Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen“ in Ludwigsburg bei Stuttgart. Seminarleiter Prof. Dr. Christoph Knödler organisierte die zweitägige Exkursion.

Nachdem sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer bereits während des Seminars mit verschiedenen Täter- und Opferbiografien auseinandergesetzt hatten, bot der Einblick in diese Einrichtung eine sinnvolle Ergänzung. Auf die Begrüßung durch den Pädagogen Bernd Kreß folgte ein äußert informativer und interessanter Vortrag durch Staatsanwältin Bettina Gross und den stellvertretenden Leiter der Zentralen Stelle Ersten Staatsanwalt Thomas Will. In beeindruckender Art und Weise erhielten die Zuhörerinnen und Zuhörer Einblicke in die Arbeit der „Zentralen Stelle“ und in über 60 Jahre Ermittlungstätigkeit.

Zum Hintergrund der Errichtung der „Zentralen Stelle“

Unmittelbarer Anlass für die Errichtung der „Zentralen Stelle“ war der sogenannte „Ulmer Einsatzgruppen-Prozess“ 1958. In diesem Prozess war Material bekannt geworden, das den Verdacht aufkommen ließ, noch weitere ähnliche Komplexe seien nicht aufgeklärt. Infolgedessen wurde diese Stelle in Ludwigsburg geschaffen. Sie wird seitdem von allen Ländern des Bundes getragen.

In Ludwigsburg werden nationalsozialistische Verbrechen, die zwischen 1933 und 1945 verübt wurden, untersucht. In mühevoller und teilweise jahrelanger Kleinstarbeit werden weltweit Indizien und Informationen gesammelt, die als Beweise für eine mögliche Anklage dienen können. Nachdem die Vorermittlungsverfahren erledigt sind, werden die Akten an die Staatsanwaltschaften der zuständigen Landgerichte in ganz Deutschland übermittelt. Dort wird dann entschieden und überprüft, ob es wirklich zu einer Anklage kommen kann.

Aktuell werden pro Jahr noch etwa 20 bis 30 Vorermittlungsverfahren durchgeführt. Da die Täterinnen und Täter von einst nach und nach sterben, sind auch die Tage der Ludwigsburger Einrichtung gezählt. Ermittelt werden kann nur gegen noch lebende Menschen.

Aufarbeitung als Zeichen an die Nachwelt

Die Arbeit der Behörde ist auch deshalb heute noch wichtig, weil die Aufarbeitung ein Zeichen an die Nachwelt ist. Mord verjährt nicht. Deswegen kann sich nach wie vor keine Täterin und kein Täter sicher sein, ungestraft davonzukommen. Daneben ist die Arbeit ein wichtiges Zeichen für die Hinterbliebenen und Angehörigen von Opfern der Gewaltverbrechen. Aus Altersgründen können viele Prozesse heute nicht mehr geführt oder die Strafen nicht mehr vollstreckt werden. Der Erste Staatsanwalt Thomas Will machte aber deutlich, dass nicht die Strafe, sondern das Urteil wichtig ist.

Der zweite Teil der Besichtigung hielt für die Studierenden noch eine Überraschung bereit. Angeleitet durch den Historiker Dr. Peter Gohle und den Pädagogen Bernd Kreß wurden sie selbst Teil des Ermittlerteams. Nach einer Besichtigung des Aktenarchivs und einer theoretischen Einführung in das analoge Verwaltungssystem des Hauses durfte in Kleingruppen mit Auszügen aus Originalakten gearbeitet werden. Dabei ging es um Unterlagen, die während des ersten Frankfurter Auschwitzprozesses gegen den Kriegsverbrecher Wilhelm Boger verwendet wurden. Die Studierenden forschten in den Akten und präsentierten schließlich ihre Ergebnisse.

Zum Abschluss und als kleines Dankeschön für die äußerst anschauliche und lebhafte Vorstellung ihrer Arbeit erhielten Dr. Peter Gohle und Bernd Kreß kleine Aufmerksamkeiten und eine Lektüre über die Stadt Regensburg. Für diesen Einblick in die wertvolle Arbeit der Ludwigsburger „Zentralen Stelle“ habe sich die insgesamt über zwölfstündige Bahnfahrt allemal gelohnt, so der einhellige Tenor aus dem Studierendenkreis.

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