Reise in die digitale Arbeitswelt

11/13/2018
By: Prof. Dr. Sabine Jaritz

Wie nimmt man Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eines Unternehmens in die digitale Arbeitswelt mit? - Zwei Gastvortragende von Continental AG stellten das „Digital Change“-Projekt des Weltkonzerns an der Fakultät Betriebswirtschaft vor.

Stefanie Preisinger und Jürgen Hagg von der Continental AG bei ihrem Gastvortrag an der OTH Regensburg im Oktober 2018.

Stefanie Preisinger und Jürgen Hagg von der Continental AG bei ihrem Gastvortrag an der OTH Regensburg im Oktober 2018. Foto: Prof. Dr. Sabine Jaritz

Wie schafft man es, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für eine Veränderung zu begeistern? Welche Rolle spielen dabei Change-Agents? Wie kann ein Konzern wie Continental bei über 140.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern weltweit eine neue Arbeitsweise und -mentalität etablieren? – Fragen wie diese waren Thema eines Vortrags, zu dem die Fakultät Betriebswirtschaft der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg (OTH Regensburg) Stefanie Preisinger und Jürgen Hagg von der Firma Continental eingeladen hatte.

Am 10. Oktober 2018 hielten Stefanie Preisinger und Jürgen Hagg von der Firma Continental einen Vortrag über die Reise des Unternehmens in die digitale Arbeitswelt. Der Gastvortrag war in die Change-Management-Vorlesung im Studiengang Master Betriebswirtschaft von Prof. Dr. Sabine Jaritz eingebettet. Es haben jedoch auch viele Gasthörerinnen und Gasthörer die Möglichkeit genutzt, Einblicke in ein „Digital Change Projekt“ eines der größten Automobilzulieferer zu erhalten.

Die zunehmende Digitalisierung, innovative Marktteilnehmende und disruptive Geschäftsmodelle erhöhen den Wettbewerbsdruck in sämtlichen Branchen und erfordern ein Umdenken in den Unternehmen, und zwar hin zu mehr strategischer Agilität. Durch die wirtschaftliche, gesellschaftliche und technologische Entwicklung nimmt auch die Arbeit einen neuen Stellenwert ein. Somit sind nicht nur neue Technologien, sondern auch die Menschen entscheidende Erfolgsfaktoren im digitalen Wandel. Um diesen Wandel erfolgreich einleiten zu können, ist eine digitale Unternehmenstransformation – unterstützt durch eine entsprechende Organisation und Kultur – unerlässlich.

Einführung eines „New Work Style“

Vor diesem Hintergrund führt der internationale Automobilzulieferer Continental AG bis Ende 2018 die neue cloud-basierte Kollaborationsplattform „Microsoft Office 365“ ein, um die digitale Transformation unter gleichzeitiger Etablierung einer neuen Arbeitsweise und -mentalität – Continental-intern als „New Work Style“ bezeichnet – voranzutreiben. Von dieser Migration sind über 140.000 Mitarbeitende mit PC-Arbeitsplatz in über 500 Lokationen weltweit betroffen.

Mit Stefanie Preisinger und Jürgen Hagg konnten wir zwei Referierende gewinnen, die diese große Unternehmensveränderung bei der Continental AG aktiv begleiten und die aus dem Nähkästchen berichten konnten, wie man so eine Mammutaufgabe angeht. Jürgen Hagg hat die Herausforderung, wie folgt, zusammengefasst: „Tesla gibt den Takt vor – Continental ist der Tanker, der bewegt werden muss.“

Initiiert wurde das Projekt bereits Mitte 2016. Ab 2017 erfolgten dann der Aufbau und die Konfiguration einer integrierten IT-Infrastruktur an sämtlichen Standorten weltweit. Nachdem die IT-technischen Grundvoraussetzungen geschaffen waren, konnte das „Digital Change“-Projekt in der Fläche starten. Die Vielzahl der neuen Anwendungen, die Herausforderung, deren An- und Übernahme durch die Mitarbeitenden mit der entsprechenden Arbeitsweise zu erreichen, dabei aber auch die über 500 Lokationen in verschiedenen Kulturräumen, verdeutlicht das Erfordernis tiefgreifenden Change-Managements unter Einbezug der gesamten Belegschaft. 

Freiwillige Change-Agents als Erfolgsfaktor

Um die Veränderungsbereitschaft der Mitarbeitenden zu wecken und ihnen die Umstellung zu erleichtern, kommt dem intern initiierten „Guide“-Konzept eine hohe Bedeutung zu. Dieses globale Netzwerk freiwilliger Change-Agents war laut Hagg schon in anderen Veränderungsprojekten ein zentraler Erfolgsfaktor. Für dieses Change-Projekt wurden über 1.000 Change-Agents weltweit qualifiziert und geschult. 

Gerade durch die lokale Verankerung dieser „Guides“ sollen die mehr als 140.000 von der Migration betroffenen Mitarbeitenden vor Ort bei der Umstellung auf eine neue Arbeitsweise unterstützt werden. Bedenkt man, so Hagg, dass es traditionell bei Office-Paketen alle fünf bis acht Jahre eine neue Version gab, so bekommt man heute alle zwei Wochen neue Features. Die neue Arbeitsweise muss auch diese Veränderung der Rahmenbedingungen entsprechend berücksichtigen.

Die beiden Referierenden erläuterten im Rahmen ihres Vortrags, wie die weltweit über 1.000 Change-Agents bei Continental auf ihre anspruchsvolle Rolle vorbereitet werden. Ein wichtiger Punkt ist, dass die Change-Agents sich freiwillig für diese Aufgabe nominieren konnten und nicht durch Vorgesetzte ausgewählt wurden. Auch aus wissenschaftlicher Sicht ist diese Vorgehensweise zielführend. 

Mehrtägige Trainings für die „Guides“

Im Rahmen des sogenannten Onboardings haben die Guides ein aus drei sequenziellen Elementen bestehendes Training absolviert: Nach einem umfangreichen Online-Kurs mussten sie in virtuellen Lerngruppen verschiedene Themen bearbeiten und sich Wissen aneignen. Schließlich musste beziehungsweise durfte jeder Change-Agent an einem der über zehn regionalen Guide-Events teilnehmen. Diese jeweils mehrtägige Veranstaltung hatte neben der Wissensvermittlung vor allem den Netzwerkgedanken und den intensiven Austausch unter den Guides zum Ziel.

Preisinger, die selbst bei mehreren dieser Veranstaltungen dabei war, konnte den Zuhörerinnen und Zuhörern sehr konkret von ihren Erfahrungen vor Ort berichten. Da jeder von der Transformation betroffene Mitarbeitende andere Bedürfnisse hat, macht ein „One size fits all“-Ansatz keinen Sinn.

Es wurden insgesamt über zwölf verschiedene Lernoptionen entwickelt und den Kolleginnen und Kollegen zur Verfügung gestellt: Neben den Guides, die vor Ort die Mitarbeitenden bei individuellen Herausforderungen unterstützen, gibt es unter anderem eine Vielzahl an Webtrainings, Chatbots oder Video-Channels. Begeisterung und Enthusiasmus ist bei dieser Transformation, so Preisinger, sehr wichtig. Mitarbeitende sollen keine Angst haben, sondern mitgerissen werden, dass letztlich die Veränderung der Arbeitsweise zu einem Selbstläufer wird.

Einblicke in die Unternehmenspraxis für die Studierenden

Die Studierenden haben durch den packenden Vortrag eindrücklich erfahren, wie komplex und vielfältig eine digitale Transformation ist und was die zentralen Erfolgsfaktoren sind. Die Integration von Gastvorträgen ist ein wichtiger Bestandteil der praxisorientierten Lehre an der OTH Regensburg. Die Studierenden erfahren hierbei, wie das in den Vorlesungen Erlernte in der Unternehmenspraxis umgesetzt und gelebt wird.

Prof. Dr. Sabine Jaritz bedankte sich auch im Namen der Studierenden bei der Vertreterin und dem Vertreter von Continental für den informativen Vortrag und die Beantwortung aller Fragen. Übrigens hat die Referentin Stefanie Preisinger erst vor Kurzem ihren Abschluss an der OTH Regensburg im Studiengang Master Betriebswirtschaft absolviert und ihre Masterarbeit genau über dieses Thema bei Prof. Dr. Jaritz geschrieben. Betreuer auf Unternehmensseite war Referent Jürgen Hagg. Dies ist letztlich auch Zeichen dafür, dass der Studiengang und die Ausbildung an der OTH Regensburg ebenso wie die exzellente Kooperation mit Unternehmen in der Region wie Continental höchst erfolgreich sind.

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