Alumni im Portrait

Wilfried Steinacher

24.10.2011
Winfried Steinacher

Studiengang: Mathematik (Abschluss 1995)
Arbeitgeber: Webeka-systems
Position: Geschäftsführer

Vom Melkschemel zur dreidimensionalen Zylinderkurve -
Die Metamorphose eines ehemaligen Allgäuer Landwirts zum genialen Mathematiker

Damals, in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, war alles noch ganz einfach gewesen. Auf dem elterlichen Hof in Hopferried (Gemeinde Hopferau) im Allgäu gab es eigentlich nur vier verschiedene Parameter: Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Die Welt war für Wilfried Steinacher in Ordnung, wenn die Wiesen gemäht waren, die Kühe gemolken, der Traktor repariert, und wenn die Musikprobe bei der Hopferauer Blasmusik, bei denen er das Tenorhorn spielte, endlich begann. Das Komplizierteste im Leben des Wilfried Steinacher war die EG-Bestimmung zur Milchkontingentierung. Heute ist er ein gefragter Spezialist für technische Mathematik in der Maschinenbauindustrie.

1. Wenn Sie zurückblicken, wie würden Sie Ihr Studium kurz beschreiben?

Irgendwann, es war gegen Ende der achtziger Jahre, ging für mich die Gleichung „Landwirtschaft“ nicht mehr auf. In der Ruhe und Monotonie des Alltags auf dem Bauernhof entwickelten sich in mir, von der Außenwelt unbemerkt aber unaufhaltsam, erstaunliche Energien und Sehnsüchte, und eines Tages brach meine lange unterdrückte Lust und pure Leidenschaft zur Mathematik wie ein Sturmwind in mir durch.

Schon in der Volksschule hatte ich größten Spaß am Rechnen, und die schwersten Textaufgaben löste ich am liebsten. Die schwierigsten Gleichungen, komplizierte Differenzialgleichungen 2. Ordnung, die den meisten Mathematikern ein Greuel sind, wecken bei mir geradezu Heimatgefühle.

Schon als kleiner Bub wollte ich auf die höhere Schule gehen, doch der Vater erlaubte es mir nicht. Nachdem mein älterer Bruder bereits abgewinkt hatte, blieb nur noch ich übrig, den elterlichen Hof zu übernehmen. So fügte ich mich in mein Schicksal und trieb, zunächst noch gemeinsam mit meinen Eltern, den Hof in Hopferried um. Ich schuftete von morgens um sechs bis abends um acht, Tag für Tag, Jahr für Jahr, auch samstags und sonntags.

Als ich 34 Jahre alt war stand mein Entschluss fest, andere Wege zu gehen, auch wenn die gesamte Verwandtschaft mit völligem Unverständnis reagierte. Ich verpachtete die Wiesen und ging erst einmal zwei Jahre auf die Fachoberschule, wo ich das Abitur nachmachte. Im Alter von 36 Jahren konnte ich mich dann endlich an der Fachhochschule Regensburg einschreiben und begab mich mit Haut und Haar in die komplexe Welt der Mathematik. Das Studium war anstrengend, aber äußerst interessant. Kurz vor meinem 40. Geburtstag war es dann soweit und ich erhielt den begehrten Titel des Diplom-Mathematikers.

2. Was waren die wichtigsten Stationen auf Ihrem beruflichen Weg?

Kurz gesagt: Der Kontakt zur Maschinenbauindustrie.

Seit 1996 berate ich Unternehmen bei der Berechnung und Optimierung von Kurvenscheiben. Parallel entwickle ich mit meinem Team die Software „emDesigner“ („em“ steht für „eletronic-motion“), ein Programm zur Berechnung von mechanischen Kurvenscheiben im Maschinenbau, welches teilweise eine erhebliche Verbesserung der Produktivität der Maschinen bewirkt.  Der emDesigner wird kontinuierlich weiterentwickelt und ist hauptsächlich in metallverarbeitenden Unternehmen weltweit erfolgreich im Einsatz. Er wird auch von der Fakultät für Maschinenbau der OTH Regensburg für Lehrzwecke eingesetzt. 

Auszug aus meiner internationalen Referenzliste:

Mollificio Carlo Cagnola Spa (Federnfabrik) , Monza, Italien
Sacma Limbiate Spa (Schraubenhersteller), Limbiate, Italien
VFC Industries Private Limited (Verpackungsmaschinen), Baska Taluna-Halol, Indien
Wieland Elektric GmbH (elektronische Bauelemente), Bamberg, Deutschland
Bamatec AG (Antriebstechnik), Ermenswil, Schweiz
Vishay BCcomponents Austria GmbH (Automotive), Klagenfurt, Österreich

3. Wie hat Ihr Studium Ihre jetzige berufliche Tätigkeit geprägt?
Das Studium war existenziell wichtig. Ohne das Studium hätte ich die Software nicht entwickeln können. Besonders bei der Lösung von Differenzialgleichungen, analytisch oder mit Näherungsverfahren, war das Studium unerlässlich. Genauso wichtig waren meine erworbenen Kenntnisse beim Programmieren. Wir waren damals der erste Studiengang, der mit Turbo Pascal programmiert hat statt mit Fortran. So war es mir möglich, auf Delphi umzusteigen.

4. Was sind die wichtigsten drei Kompetenzen in Ihrem Arbeitsalltag?

  • Know-How-Mix aus technischer Mathematik und Programmierarbeit
  • Kundenkontakt und Demotermine zu Neukundengewinnung
  • Größtmögliche Flexibilität

5. Wenn Sie mit dem Wissen und der Erfahrung von heute Ihrem Studierenden-ICH einen Tipp geben könnten, was würden Sie ihm raten?
Ich würde es genauso machen, wie früher.

 

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