Alumni im Portrait

Wilfried Steinacher

24.10.2011
Winfried Steinacher

Vom Melkschemel zur dreidimensionalen Zylinderkurve
Die Metamorphose eines ehemaligen Allgäuer Landwirts zum genialen Mathematiker

Damals, in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, war alles noch ganz einfach gewesen. Auf dem elterlichen Hof in Hopferried (Gemeinde Hopferau) im Allgäu gab es eigentlich nur vier verschiedene Parameter: Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Die Welt war für Wilfried Steinacher in Ordnung, wenn die Wiesen gemäht waren, die Kühe gemolken, der Traktor repariert, und wenn die Musikprobe bei der Hopferauer Blasmusik, bei denen er das Tenorhorn spielte, endlich begann. Das Komplizierteste im Leben des Wilfried Steinacher war die EG-Bestimmung zur Milchkontingentierung. Heute ist er ein gefragter Spezialist für technische Mathematik in der Maschinenbau-Industrie.

Wie ein Sturmwind

Irgendwann, es war gegen Ende der achtziger Jahre, ging für Wilfried Steinacher die Gleichung „Landwirtschaft" nicht mehr auf. In der Ruhe und Monotonie des Alltags auf dem Bauernhof entwickelten sich in ihm, von der Außenwelt unbemerkt aber unaufhaltsam, erstaunliche Energien und Sehnsüchte, und eines Tages brach seine lange unterdrückte Lust und pure Leidenschaft zur Mathematik wie ein Sturmwind in ihm durch.

Erster Computer der Welt lief in der Nachbarschaft

Zufall, dass ausgerechnet der Erfinder des weltweit ersten Computers, Konrad Zuse, nach dem 2. Weltkrieg nur einen Steinwurf vom Hof der Steinachers entfernt, eine Zuflucht fand? Von 1946 bis 1949 wohnte der berühmte Forscher mit seiner Familie in Wiedemen, dem Nachbarweiler von Hopferried. Hier arbeitete Zuse an der Endfassung seiner Programmiersprache und brachte die erste vollautomatische, programmgesteuerte Rechenmaschine zum Funktionieren. Zuse stellte seinen tonnenschweren Rechner, den er „Z4" nannte, damals im Mehllager der Hopferauer Bäckerei Martin unter.

Die schwierigsten Gleichungen

Der Erfinder Zuse blieb zeitlebens ein Einzelkämpfer, der akribisch tausende von Schaltgliedern zu seinen Doppelbett großen Rechnern zusammenbaute. „Ich bin zu faul zum Rechnen", begründete er einmal humorvoll seinen Erfinderdrang. In diesem Punkt unterscheidet er sich von seinem Nachbarn Wilfried Steinacher. Schon in der Volksschule hatte der größten Spaß am Rechnen, und die schwersten Textaufgaben löste er am liebsten. „Im Winter hab ich mir oft ein altes Mathebuch herausgeholt und nächteweise gerechnet", sagt er. Die schwierigsten Gleichungen, komplizierte Differenzialgleichungen 2. Ordnung, die den meisten Mathematikern ein Greuel sind, wecken bei ihm geradezu Heimatgefühle.

Ich konnte nicht mehr aufrecht gehen

Schon als kleiner Bub wollte Wilfried Steinacher auf die höhere Schule gehen, doch der Vater erlaubte es ihm nicht. Nachdem sein älterer Bruder bereits abgewunken hatte, blieb nur noch Wilfried übrig, den elterlichen Hof zu übernehmen. So fügte er sich in sein Schicksal und trieb, zunächst noch gemeinsam mit seinen Eltern, den Hof in Hopferried um. Er schuftete von morgens um sechs bis abends um acht, Tag für Tag, Jahr für Jahr, auch Samstags und Sonntags. Bis er 34 Jahre alt war und die Bandscheiben nicht mehr mitmachten. „Ich konnte zeitweise gar nicht mehr aufrecht gehen", erinnert er sich. Als seine Eltern dann auch noch schwer krank wurden, war für ihn klar, dass er allein auf keinen Fall weitermachen konnte. Sein Entschluss stand fest, andere Wege zu gehen, auch wenn die gesamte Verwandtschaft mit völligem Unverständnis reagierte. Er verpachtete die Wiesen und ging erst einmal zwei Jahre auf die Fachoberschule, wo er das Abitur nachmachte. Im Alter von 36 Jahren konnte er sich dann endlich an der Fachhochschule Regensburg einschreiben und begab sich mit Haut und Haar in die komplexe Welt der Mathematik.

Der em-Designer

Kurz vor seinem 40. Geburtstag war es dann soweit und er erhielt den begehrten Titel des Diplom-Mathematikers. Seine Leidenschaft hat Wilfried Steinacher seither weiterentwickelt und vor allem im technischen Bereich umgesetzt. Heute erforscht er Optimierungspotenziale u.a. von Blechbearbeitungs-Maschinen und entwickelt Kurvenscheiben und Problemlösungen für die Maschinenbau-Industrie weltweit. So entwickelte er den em-Designer (wobei das em- für „eletronic-motion" steht), ein Programm zur Berechnung von mechanischen Kurvenscheiben im Maschinenbau, welches teilweise eine erhebliche Verbesserung der Produktivität der Maschinen bewirkt. Seit kurzem wird der em-Designer auch von der Fakultät für Maschinenbau der Fachhochschule Regensburg für Lehrzwecke eingesetzt. Bei seinen Forschungsarbeiten kommt Steinacher sein außergewöhnlicher Know-How-Mix aus technischer Mathematik und Programmierarbeit zugute. Eine Fähigkeit, die im Bereich der Mathematik eher selten ist. Steinacher: „Denn Mathematiker programmieren eigentlich nicht so gerne, und umgekehrt lieben Programmierer die Mathematik nicht so besonders". Und dies war, wie wir uns erinnern, ja selbst beim genialen Konrad Zuse schon so gewesen.  

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