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Ist Technik die Generallösung in der Pflege?

23.02.2021
Von: Simone Böttger, Prof. Dr. Sonja Haug

Das Institut für Sozialforschung und Technikfolgenabschätzung hat in einer Online-Befragung Führungskräfte und Pflegedienstleitungen im ambulanten und stationären Pflegedienst befragt. Wie sehen Stakeholder*innen die Nutzung von Technik in der Pflege?

Das Diagramm zeigt, welche technischen Lösungen aktuell in der Pflege vor allem im Einsatz sind.

Das Diagramm zeigt, welche technischen Lösungen aktuell in der Pflege vor allem im Einsatz sind. Hintergrund ist eine Befragung, die das Institut für Sozialforschung und Technikfolgenabschätzung an der OTH Regensburg durchgeführt hat. Abbildung: Prof. Dr. Sonja Haug

Durch den demografischen Wandel und den Arbeitskräftemangel im Pflege- und Gesundheitssystem steht das bundesdeutsche Pflege- und Gesundheitsversorgungssystem in Zukunft vor großen Herausforderungen. Um diesen gesellschaftlichen Aufgaben Rechnung zu tragen und eine würdevolle Pflege zu ermöglichen, wurde der Einsatz von Technik in der Pflege in den letzten Jahren immer mehr debattiert. Zahlreiche Forschungs- und Entwicklungsprojekte für altersgerechte Assistenzsysteme auf Landes-, Bundes- und europäischer Ebene wurden und werden gefördert. Dazu gehören beispielsweise Computerspiele zur Erhaltung der geistigen Fitness und Leistungsfähigkeit älterer und hochbetagter Menschen oder Telemonitoring- und Telecaresysteme zur Unterstützung der ärztlichen Versorgung vor allem im ländlichen Raum.

Relativ wenige technische Lösungen im Pflegeeinsatz

Doch warum haben bisher relativ wenige technische Lösungen Einzug in den Pflegealltag gefunden (vgl. Diagramm)? Das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Projekt "Diffusion altersgerechter Assistenzsysteme – Kennzahlenerhebung und Identifikation von Nutzungshemmnissen" (DAAS-KIN) unter der Leitung von Prof. Dr. Karsten Weber und in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Sonja Haug geht daher den Gründen für den bislang zurückhaltenden Einsatz digitaler Technik in der Pflege nach. 

Erste Ergebnisse einer Online-Befragung von 93 Führungskräften und Pflegedienstleitungen im ambulanten und stationären Pflegedienst wurden nun in dem Artikel "Technik in der Pflege als Generallösung? – Ein kritischer Blick auf altersgerechte Assistenzsysteme aus Stakeholdersicht" veröffentlicht. Gefragt wurde nach der aktuellen und geplanten Nutzung von digitalen Assistenzsystemen, nach Faktoren, die diese beeinflussen, sowie die mit dem Einsatz der Systeme verbundenen Hoffnungen und Befürchtungen.

Ergebnisse der Online-Befragung 

Die Befragungen zeigen, dass sich die Nutzung von altersgerechten Assistenzsystemen in der ambulanten und stationären Pflege stark unterscheidet. 54 Prozent der Befragten aus ambulanten Pflegeeinrichtungen geben an, dass überhaupt keine Form digitaler Assistenzsysteme genutzt wird. Bei stationären Einrichtungen liegt dieser Anteil nur bei drei Prozent. Nicht nur die Nutzung, sondern auch die Planung von altersgerechten Assistenzsystemen, insbesondere von Service- und Pflegerobotern, fällt relativ gering aus. Im ambulanten Bereich ist überhaupt keine Anschaffung in diesem Bereich geplant. Sind Investitionen angedacht, dann vor allem für Dokumentations-, Sicherheits- und Informationssysteme sowie Kommunikation und Entertainment, in ambulanten Einrichtungen aber signifikant seltener.

Scheu vor den hohen Kosten bei der Anschaffung

Die Befragten sehen altersgerechte Assistenzsysteme oft mit hohen direkten Kosten verbunden. Probleme bei der Integration von Assistenzsystemen in den Arbeitsalltag sehen sie auch bei der mangelnden Akzeptanz bei Pflegekräften und Pflegebedürftigen. Zudem kann man aus den Aussagen schließen, dass bei den meisten Assistenzsystemen erwartet wird, dass die menschliche Arbeitskraft nicht oder kaum ersetzt werden kann. Des Weiteren werden indirekte Kosten, etwa der Aufwand für die Schulung bei der Einführung eines Assistenzsystems, als sehr hoch eingeschätzt.  

Neben sehr hohen Erwartungen an Assistenzsysteme vonseiten der Fachkräfte wird die Motivation des Personals als schwieriger eingeschätzt als die Motivation der Pflegebedürftigen. Beim Einsatz von Pflege- und Servicerobotern wird nicht nur die potenzielle Benutzerfreundlichkeit am schlechtesten bewertet, sondern mit beiden Systemen werden auch stark negative Auswirkungen auf Pflegequalität und Patientenwohl verbunden.

Zwischen Hoffnungen und massiven Vorbehalten

Die Befragungen zeigen, dass bei der Einführung von Assistenzsystemen Hoffnungen im Abbau von Arbeitsbelastungen bestehen, gleichzeitig aber auch massive Vorbehalte gegenüber der entlastenden Technik. Diese paradoxen Ergebnisse lassen die Wissenschaftler*innen Prof. Dr. Sonja Haug, Prof. Dr. Karsten Weber, Dr. Debora Frommeld und Ulrike Scorna die Frage aufwerfen, ob die geförderten technischen Entwicklungen zukünftig auf Akzeptanz bei ambulanten und stationären Pflegeinrichtungen stoßen werden. Im Projekt DAAS-KIN werden diese Analysen daher noch durch qualitative Interviews mit unterschiedlichen Stakeholder*innen sowie einer Wertbaumanalyse ergänzt und vertieft.

Der Artikel zur Untersuchung erschien in der ersten Ausgabe 2021 von "Monitor Versorgungsforschung" (14, 1, S. 63–68). Im Rahmen des Projektes DAAS-KIN wird voraussichtlich im August 2021 zudem der Sammelband "Gute Technik für ein gutes Leben im Alter" erscheinen. Prof. Dr. Haug und Prof. Dr. Weber, die die gemeinsame Leitung des Instituts für Sozialforschung und Technikfolgenabschätzung (IST) innehaben, sind beide Mitglieder im Regensburg Center of Health Sciences and Technology (RCHST), Prof. Dr. Weber zudem Direktor.

 

Regensburg Center of Health Sciences and Technology (RCHST) 

Das Regensburg Center of Health Sciences and Technology (RCHST) ist eine fakultätsübergreifende Forschungseinrichtung der OTH Regensburg, die von der bayerischen Staatsregierung maßgeblich unterstützt wird. Das RCHST bündelt umfangreiche Expertise und Aktivitäten in Lehre, Forschung und Weiterbildung in den Bereichen Medizintechnik, Medizinische Informatik, Gesundheits- und Sozialwissenschaften sowie Ethik und Technikfolgenabschätzung und entwickelt sie weiter. Die OTH Regensburg greift damit aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen und Aufgabenstellungen wie die demografische Entwicklung in Deutschland, den medizinisch-technischen Fortschritt, die Digitalisierung in der Medizin sowie das wachsende Gesundheitsbewusstsein auf.

Das RCHST wurde 2017 gegründet und setzt sich derzeit aus zwölf Mitgliedslaboren zusammen. Es wird von einem wissenschaftlichen Direktorium geleitet, unterstützt von der RCHST Geschäftsstelle. Für Fragen wenden Sie sich gerne per E-Mail an das RCHST

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